Freundschaft ist etwas sehr Wertvolles

Bild von Hans Braxmeier / Pixabay

15. Wer war der beste Freund, die beste Freundin? Was war das Besondere an ihm/ihr?

 

Gestern habe ich von meiner besten Freundin geträumt … Wahrscheinlich deswegen, weil ich mich in den letzten Tagen mit der entsprechenden Frage wieder einmal auseinandersetzte. Im Traum trafen wir uns und wir sprachen uns endlich aus. Sie sagte mir, dass sie mich sehr vermisse, aber gewisse Umstände (Menschen) hindern sie daran, mit mir Kontakt aufzunehmen.

Zum Schluss haben wir uns sogar umarmt und beide geweint. Ich weiß nicht, ob ich dem Traum Glauben schenken soll, aber es war ein wunderbares Gefühl, so vertraut wie früher miteinander umzugehen, einander aus dem eigenen Leben zu erzählen und einander zuzuhören.

Es ist wirklich ein Thema, das mir immer noch nahe geht.

So still wie ich auch als Kind war, aber ja – auch ich hatte eine beste Freundin. In dem vorangegangenen Beitrag erwähnte ich zwar Mascha, die mit mir „Schule“ spielte, diese Freundschaft hielt jedoch nicht lange, sie flachte irgendwann ab und als ich ins Schulalter kam, war davon nichts mehr übrig geblieben.

Eine neue Mitschülerin, die eines Tages – es war in der zweiten Klasse – in das Klassenzimmer trat, wurde schon bald zu einem der liebsten Menschen in meinem Leben. Ohne dieses fröhliche Mädchen mit den Grübchen in den Wangen und dem ansteckenden Lächeln wäre mein Leben grau und trostlos.

(Über diese Freundschaft schrieb ich schon vor etwa einem Jahr, deshalb werden einigen Leserinnen und Lesern folgende Zeilen vielleicht bekannt vorkommen).

Ich kann mich zwar nicht mehr erinnern, wie wir uns näher gekommen sind, denke aber, dazu hat im Wesentlichen beigetragen, dass sie fremd im Dorf war. Auch ich – ein schüchternes, schweigsames Kind – lebte mehr in der eigenen Welt und fühlte mich einsam.

Die Freundschaft hat Freude und Farbe in mein Leben gebracht. Besonders schön waren die zwei letzten Schuljahre. Wir gingen in die weiterführende Schule, die sich im anderen Ort befand, und wohnten bei meiner älteren Schwester in ihrem kleinen „Türmchen“. Wenn auch nur zwölf Kilometer vom Dorf entfernt, fühlte ich mich außerhalb der drückenden Atmosphäre des Elternhauses wie beflügelt, ohne Zwang, ohne Ängste, ohne Depression. Ich war frei! – ein unglaubliches, unbeschreibliches Gefühl.

Wir unternahmen viel, gingen ins Kino, streiften durch die Straßen, redeten, lachten, spielten den Jungs Streiche, die im Nachbarhaus wohnten. Wir hörten Musik (Beatles waren gerade auf ihrem Höhepunkt – auch in Russland) oder zogen uns zurück, jede in ihre eigene Ecke und schrieben Tagebuch. Schlimm war es für mich nur an den Wochenenden und in den Ferien, wenn ich wieder nach Hause ins Dorf musste.

Damals hätte ich mir nicht vorstellen können, dass unsere Bindung sich irgendwann auflösen wird.

Doch – wir wurden erwachsen und das Leben trug uns in verschiedene Richtungen. Mit eigenen Kindern und Sorgen beschäftigt, sahen wir uns immer seltener. Mir fehlte meine Freundin sehr. Sie dagegen war in dieser Hinsicht viel gelassener. (Hier möchte ich anmerken – obwohl ich in Deutschland seit vielen Jahren in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft lebe, war mir damals noch gar nicht bewusst, dass ich so „anders“ bin, und unsere Freundschaft hatte nicht das geringste mit Sexualität zu tun).

Ende der achtziger Jahre kam die Zeit des Umbruchs in der Sowjetunion und des Aufbruchs der Russlanddeutschen in ihre historische Heimat. Dieser Strom riss natürlicherweise auch uns mit.

Meine Familie und ich verließen Russland zuerst. Als ich irgendwann durch Zufall erfuhr, dass auch meine Freundin mit ihrer Familie in Deutschland lebte, war ich darüber gekränkt, dass sie mich nicht einmal informiert hatte. Trotzdem unternahm ich noch einige Versuche, unsere Freundschaft zu kitten, die Tür zu öffnen, die mich wieder in ihre Welt und in ihr Herz führen würde, aber sie verschloss sich mir stets aufs neue.

Wir trafen uns zweimal, das letzte Mal im April 2005 auf der Beerdigung meines Mannes. Danach gab es nur noch ein paar (von mir initiierte) Telefonate. Dabei merkte ich die Anspannung, die Disharmonie, die Distanz zwischen uns. Aber so hartnäckig wie ich bin, wollte ich nicht aufgeben. Ich schrieb meiner Freundin einen langen Brief – die letzte meiner Freundschaftsrettungsaktionen – in dem ich ihr unter anderem über meine Homosexualität erzählte, und darüber, wie es mir geht, wenn ich an unsere Freundschaft denke.

 

„… Ich schreibe Dir so etwas, obwohl ich eigentlich gar nicht weiß, wie Du zu mir stehst. So richtig über das Thema haben wir ja nie gesprochen. Offen gesagt, habe ich das Gefühl, dass Du meine Lebensweise auch nicht wirklich tolerierst. Aber vielleicht irre ich mich, vielleicht spielt da einfach meine Enttäuschung mit, dass unsere Freundschaft auseinander gegangen ist. Wir waren einst so eng befreundet, so vertraut miteinander … Ich will ehrlich sein – es tut mir weh, es tut mir immer noch weh, dass dem nicht mehr so ist. Wie oft träume ich von Dir, davon, dass Du weit weg von mir bist und ich verzweifelt versuche, die Telefonnummer von Dir zu erfahren, und wenn ich sie endlich habe und anrufe, dann nimmst Du den Hörer nicht ab. Und dann weiß ich – Du möchtest gar nicht mit mir sprechen, Du möchtest mich nicht sehen. In meinem Herzen existiert unsere Freundschaft immer noch, aber in Wirklichkeit(?) … Vielleicht soll ich endlich darunter einen Strich ziehen und es so nehmen, wie es ist …

… Es wäre mir eine große Freude, von Dir eine Antwort zu erhalten, egal ob schriftlich oder telefonisch. Oder Du besuchst mich einfach (das wäre aber eine tolle Überraschung!) und wir reden über die alten – und nicht ganz so alten – Zeiten. Ich würde Dich auch gern für ein Wochenende abholen und danach wieder nach Hause fahren … Ach, es gibt so viele Möglichkeiten, Du musst es nur wollen (und Dich von niemandem einschüchtern lassen). Aber ich will Dich nicht bedrängen – es soll Deine Entscheidung sein; es wäre nur schön, wenn Du sie für Dich allein treffen könntest, unabhängig von Deinem Mann und Deiner Familie. Ich finde, Freundschaft ist etwas sehr, sehr wertvolles, und manchmal muss man auch um sie kämpfen, sich für sie einsetzen, sie verteidigen …“

 

Ich bat meine Freundin um eine aufrichtige Antwort, bekam jedoch überhaupt keine. Und so kann ich bloß Vermutungen anstellen. Es schmerzt, aber letztendlich bleibt mir nichts anderes übrig als zu akzeptieren, dass meine einst beste Freundin sich von mir abgewandt hat.

Trotz alledem bin ich ihr dankbar für die Jahre der wunderbaren Freundschaft. Sie war meine Rettung – im wahrsten Sinne des Wortes; ohne sie hätte ich es viel schwerer im Leben, ohne sie wäre ich nicht zu dem Menschen geworden, der ich heute bin.

 

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