"Andersrum" - Ausschnitte


Das Licht

Ill.: Jutta E. Schröder
Ill.: Jutta E. Schröder

Die folgende Geschichte spielt sich in einem kleinen Dorf ab, das in einem weiten Land zwischen vielen Birkenwäldern liegt.

Die Menschen in der Siedlung arbeiten schwer und müssen viel Leid und Ungerechtigkeiten ertragen.

Auch die kleine Lisa kämpft sich tapfer durch das Leben. Sie hat ihr ganz persönliches, schweres Päckchen zu tragen.

Wir schreiben das Jahr 1958.

 

Wie so oft wird Lisa mitten in der Nacht wach. Sie hat etwas geträumt, kann sich allerdings nicht mehr erinnern, was es war. Sie weiß nur – es war schlimm; der Albtraum nahm ihr Herz in den eisernen Griff und jetzt, wieder befreit, schlägt es schnell und hämmernd in ihrer Brust.

Lisa hat im Schlaf geweint und spürt noch die Nässe im Gesicht. Ein Schluchzen entfährt ihr, als sie tief ein- und ausatmet. Ihr Herz beginnt sich allmählich zu beruhigen.

Da hört sie eine Stimme, die nicht von außen zu kommen scheint, sondern direkt in ihrem Kopf sitzt: „Hallo, Lisa!“

Das Mädchen hält den Atem an und lauscht angestrengt in sich hinein. Aber sie hört nur das gewohnte leise Schnaufen und Schnarchen ihrer Geschwister. Dann dreht sie sich auf den Rücken.

Es ist nicht ganz düster im Zimmer. Der Mondschein von draußen hinterlässt einen hellen Streifen auf dem Holzfußboden und erfasst auch die dunkle Gestalt, die auf dem Rand des Bettes sitzt.

„Hab keine Angst“, sagt die Stimme in Lisas Kopf erneut. Ohne es begründen zu können, weiß das Mädchen sofort, dass sie zu dieser Erscheinung gehört.

Das Kind hat gar keine Angst – der Fremde ist zwar vollständig in Schwarz gehüllt, aber überhaupt nicht furchterregend.

„Wer bist du? Was machst du hier?“, flüstert Lisa erstaunt.

„Ich bin gekommen, um dir deinen größten Wunsch zu erfüllen“, antwortet die wohlklingende Stimme. „Du hast doch einen?“

Lisa setzt sich langsam auf und schaut die Gestalt an. Dann schüttelt sie den Kopf und raunt: „Das kannst du nicht. Das kann nicht mal der liebe Gott.“

Ein plötzlicher Verdacht kommt in ihr auf und sie fragt vorsichtig: „Du bist doch nicht Gott?“

Sie hätte schwören können, dass der Fremde schmunzelt, obwohl sie sein Gesicht nicht sieht.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. „Nein, der bin ich nicht. Betest du denn oft zu Gott?“

„Mama sagt, ich muss jeden Abend vor dem Schlafengehen beten, dann wird der liebe Gott mich gern haben und über mich wachen.“ Ein tiefer Seufzer entringt sich dem Mädchen. „Aber das will ich gar nicht. Dass er über mich wacht, meine ich. Ich bitte ihn nur …“ Lisa verstummt.

„Worum ersuchst du Gott? Erzähl mir doch mal von deinem Wunsch“, bittet die einfühlsame Stimme.

Erneutes tiefes Luftholen, das aus tiefster Seele kommt. Lisas Stimme wird immer leiser und ist kaum hörbar. „Das ist ein ganz ernster Wunsch.“ Sie sucht eine Weile nach dem passenden Wort. „Ein ganz anderer Wunsch, weil … weil es kein Ding ist.“ Plötzlich stehen Tränen in ihren Augen. „Ich wünsche mir, froh zu sein“, flüstert sie und ein unterdrücktes Weinen lässt ihre Schultern zucken.

Der Fremde streichelt dem Mädchen beruhigend über die weichen Locken. „Weine nicht, Kleines. Das kriegen wir hin. Versprochen.“

Lisa hebt den Kopf, in ihren Augen glänzen Tränen, ungläubig blickt sie in das schwarze Gesicht. „Das kannst du? Echt? Dann bist du ja noch allmächtiger als Gott.“ Das Wort „allmächtig“ hat sie von den Erwachsenen oft gehört und weiß, was es bedeutet.

Wieder spürt Lisa auf seltsame Weise das Lächeln des Fremden, als er antwortet: „Allmächtiger vielleicht nicht, aber ich kann Einiges. Am besten, wir fangen gleich an, an deinem Wunsch zu arbeiten. Komm, wir gehen nach draußen.“

Die dunkle Gestalt erhebt sich vom Bett des Kindes. Selbst das Licht des Mondes vermag ihr kein Gesicht zu geben.

„Jetzt? Im Dunkeln?“, argwöhnt Lisa, rutscht aber schon bereitwillig aus dem Bett.

Der Fremde nimmt sie an die Hand. „Wo sind denn deine Schuhe?“, will er wissen.

„Die sind im Schrank. Ich laufe im Sommer immer barfuß“, erklärt das Kind.

„Dann muss ich dich aber auf den Arm nehmen, draußen ist es jetzt ganz schön feucht.“ Er hebt Lisa hoch und sie erstarrt, von plötzlicher Scheu erfasst. Behutsam drückt der Fremde das Kind an sich: „Ich tue dir nichts. Vertrau mir.“

Lisa schmiegt sich vorsichtig an seine Brust. Das tut gut, und sie fühlt sich auf einmal sehr wohl und sicher.

Ohne ein Geräusch zu verursachen, huschen der Mann und das Mädchen aus dem Haus. Niemand hört oder bemerkt etwas.

Im Garten bleibt der Fremde stehen und schaut zum Himmel empor. Auch Lisa hebt den Kopf.

„Siehst du da oben die vielen Sterne?“, fragt die dunkle Gestalt.

„Ja! Ich weiß auch, dass es Sonnen und Planeten sind“, antwortet das Mädchen mit hörbarem Stolz in der Stimme. „Das hat mir meine Schwester erzählt.“

„Genau so ist es. Und sieh mal, der helle Stern da!“ Er deutet nach oben. „Auf dem wohnt auch so ein Mädchen wie du.“

Lisa wird neugierig. „Ist es auch sechs Jahre alt? Heißt es auch Lisa?“

Obwohl die Kleine sein Gesicht durch den schwarzen Stoff nicht sieht, ahnt sie, dass der Fremde lächelt, als er antwortet: „Nicht unbedingt Lisa – aber vielleicht … Asil?“

„Oh ja – das ist mein Name, aber andersrum!“ Lisa lacht, der Name Asil gefällt ihr ausgesprochen gut.

„Du bist ein kluges Mädchen!“, sagt der Fremde anerkennend.

„Ist Asil auch manchmal traurig?“, will das Kind wissen.

„Manchmal ja“, erwidert die Gestalt in Schwarz. „Besonders aber dann, wenn du traurig bist.“

Lisa zupft leicht an dem Gewand des Mannes. „Woher weiß sie das?“

„Nun, sie spürt es. Asil und du, ihr seid zwei Seelenverwandte.“

„Was bedeutet das?“

„Das ist wie bei Freunden. Zwei gute Freunde verstehen sich oft auch ohne Worte und fühlen, was der andere fühlt“, erklärt der Fremde.

„Ich habe keine Freundin“, gesteht Lisa betrübt und senkt den Blick.

„Die kommt noch – eines Tages“, verspricht der Dunkelgekleidete. „Du wirst es sofort wissen, wenn du sie siehst.“

Schnell wechselt Lisa das Thema. „Sag mal, warum versteckst du dein Gesicht?“

Der Fremde zögert ein wenig: „Ich sage es dir ganz ehrlich. Ich darf mein Gesicht den Erdlingen nicht zeigen. So sind die Regeln.“

Beim Wort „Erdlinge“ blickt Lisa nach oben zu den Sternen, dann wieder auf die dunkle Erscheinung. Eine Erkenntnis leuchtet in ihrem Gesicht auf, aber sie behält sie für sich, fragt stattdessen: „Kannst du denn gut sehen, wenn deine Augen verdeckt sind?“

Ein Kichern ist zu hören und anschließend: „O doch, ich sehe alles sehr gut.“

Lisa bemerkt etwas auf der Brust des Fremden und setzt an: „Was ist …?“ Dann stoppt sie und erklärt: „Du hast mir noch gar nicht gesagt, wie du heißt.“

„Stimmt. Entschuldige“, antwortet die schwarze Gestalt. „Du kannst mich einfach Duh nennen.“

Lisa macht große Augen. „Duh … so wie ich und du?“

„Ja, so ungefähr.“

„Dein Name gefällt mir“, sagt Lisa zufrieden ...


Die lachenden Gesichter

Ill.: Jutta E. Schröder
Ill.: Jutta E. Schröder

Wir befinden uns wieder in dem kleinen Dorf, das in einem weiten Land zwischen den vielen Birkenwäldern liegt, diesmal im Jahr 1959.

 

Einige Monate sind seit Lisas Begegnung mit dem geheimnisvollen Fremden vergangen. Draußen geht ein Gewitter nieder – das erste in diesem Jahr. Nicht so heftig wie im Sommer, eher zögerlich und herantastend. Regen klopft gegen die Fensterscheiben und Lisa bildet sich ein, dass die Wassertropfen bis zu ihrer Haut durchdringen, sie fühlt sogar die kribbelnde Nässe an ihren Armen. Angst vor Gewitter hat sie nicht, sie mag es sogar, ebenso, wie sie im Winter den Schneesturm mag.

Das Mädchen sitzt am Fenster und verfolgt das Naturschauspiel. Na ja, viel zu verfolgen gibt es eigentlich nicht, deshalb ist Lisa viel eher mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Sie denkt an den vergangenen Winter und gleichzeitig daran, wie schön es doch ist, dass der Sommer langsam näher kommt. Die fünf kalten Monate sind für sie immer viel zu lang, irgendwann will sie keinen Schnee mehr, obwohl sie in diesem Winter viel Spaß damit hatte. Sie erinnert sich an den hohen Schneehügel, den die Erwachsenen extra mit einem Bagger aufgeschüttet und mit Wasser gefestigt hatten. Er war zum Lieblingsspielplatz für die Dorfkinder geworden.

Es war herrlich, mit dem Schlitten da hinunterzusausen. An der Rückseite des Hügels waren Stufen in den Schnee geschnitten worden, über die sie dann ihr Gefährt wieder hochtragen konnte, um die Abfahrt zu wiederholen.

Manchmal veranstalteten die älteren Jungen einen Kampf, sie nannten diese spielerische Auseinandersetzung „Schlacht um den Berggipfel“.

Zugegeben, der Schneeberg bestand nicht aus Gestein, aber einen Gipfel hatte er trotzdem und der Held, der sich bis an die Spitze durchboxte, schrie lauthals: „Hurra, hurra!“ und steckte triumphierend seine Flagge oben in den Schnee. Die Flagge war selbstverständlich immer rot, trug aber den mit Tinte darauf gekritzelten Namen des Siegers. Eine andere Farbe zu wählen, wäre gar nicht infrage gekommen. Das gliche ja einem Verrat am Vaterland, wie die Kinder schon sehr früh lernten. Keiner der Jungen wollte riskieren, als Feind des Volkes bezeichnet zu werden.

Lisa macht sich Sorgen um ihr geliebtes Bäumchen. Das steht jetzt einsam im strömenden Regen und verliert wahrscheinlich gerade seine wunderschönen Blüten, eine nach der anderen.

Im Geiste erlebt sie wieder den Moment, als sie vor ein paar Wochen früh morgens nach draußen lief, um ihre Musik zu hören, und staunend eine Veränderung an ihm entdeckte: Der kleine Baum war voller zartrosa Blüten von außergewöhnlicher Sternenform. Sie hatte glücklich gelacht, denn sie erkannte sofort – es war ein Gruß von Duh und bedeutete, dass der Winter ein Ende hatte. Das blühende Bäumchen war ihr ganz persönlicher Frühlingsbote und brachte nicht nur warme Tage mit sich, sondern auch den großen, fernen Freund näher zu ihr.

Lisa presst ihr Gesicht an die Fensterscheibe. Der Regen verhindert jedoch die Sicht auf den Garten. Ob sie vielleicht kurz nach draußen durfte? Aber Mama würde es gewiss nicht erlauben.

Das Mädchen wendet sich der geschlossenen Küchentür zu und lauscht. Mama klappert mit Geschirr, sie ist bestimmt am Kochen. Hoffentlich gibt es keine Suppe zum Mittagessen. Wenn Lisa etwas nicht mag, dann sind es Suppen, egal ob mit Kartoffeln, Erbsen oder Nudeln zubereitet. Das, was da in der Brühe herumschwimmt, macht sie arg misstrauisch. Besonders eklig findet sie die Bohnensuppe; die winzigen Keimlinge, die sich von den weißen Bohnen lösen, sehen wie kleine Würmer aus. Lisa verzieht angewidert das Gesicht und seufzt. Was hat sie denn für eine Wahl? Es muss gegessen werden, was auf den Tisch kommt. Wenn man Hunger hat, schmeckt irgendwann auch unappetitliches Essen.

Lisa hofft, dass ihr das heute erspart bleibt. Sie lächelt in sich hinein – beinah hätte sie ja vergessen, dass sie heute sieben Jahre alt geworden ist. Sie erwartet kein Geschenk. Es gibt nie Geschenke in ihrer Familie. Warum sollte sich das gerade in diesem Jahr ändern?

Aber es ist ein tolles Gefühl, wieder gewachsen und ein Jahr älter geworden zu sein.

So springen Lisas Gedanken von hier nach da und sind überall.

Wieder zuckt ein Blitz durch die Wolken, dem ein entferntes Donnern folgt. Jemand läuft am Straßenrand entlang. Lisa kann nicht erkennen, wer es ist, denn die Gestalt hat, wie allgemein üblich, einen großen Kartoffelsack als Regenschutz über dem Kopf. Sie sieht bloß die schwarzen, glänzenden Gummistiefel.

Lisa seufzt – sie hätte so gern auch neue Gummistiefel! Ihre sind überaus alt und abgenutzt, vom anfänglichen Glanz ist nichts mehr übriggeblieben. Da sie aber noch dicht sind, wird es so bald keine neuen geben, daran zweifelt sie keine Sekunde … Doch dann werden ihre Augen groß, als ihr der eigenartige Traum der vergangenen Nacht wieder einfällt.

Sie hat geträumt, dass sie einen großen, hellblauen Karton unter ihrem Bett entdeckt hätte. Darin befanden sich ein paar wunderschöne rote Stiefelchen, mit kleinen gelben Kreisen verziert. Lisa wollte sie gerade anprobieren, da wachte sie auf. Sie trauerte ihrem Traum nach, denn sie wusste, dass es gar keine farbigen Gummistiefel gab. Die sind doch immer schwarz, hatte sie sich ermahnt und war wieder eingeschlafen, mit dem Vorsatz, am Morgen unters Bett zu schauen. Nur so, für alle Fälle. Allerdings hatte sie nach dem Aufstehen nicht mehr daran gedacht, doch jetzt schießt ihr die Erinnerung heiß durch den Sinn.

Lisa läuft zum Kinderzimmer. Vor ihrem Schlafplatz holt sie tief Luft, bückt sich … und sieht nur ein paar Staubflocken. Die Enttäuschung ist groß. Dabei war sie sich fast sicher, etwas zu finden! Das Mädchen überlegt angestrengt. Hatte sie wirklich den Karton unter dem Bett gesehen? Sie weiß noch, dass sie ihn entdeckte, als sie im Traum nach etwas (nach ihren Strümpfen?) gesucht hatte. Vielleicht ist der geheimnisvolle Karton in der alten Truhe, in der die Kinderkleidung liegt?

Langsam hebt Lisa den Deckel nach oben und schließt dabei die Augen … Dann schaut sie hinein, und ihr Herz macht einen Sprung. Da liegt er, der hellblaue Karton! Sie kann sogar lesen, was in hübsch geschwungener Schrift darauf steht: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ Sie zittert vor Erregung, als sie den Karton herausnimmt und auf das Bett stellt ...


Der Stein

Ill.: Jutta E. Schröder
Ill.: Jutta E. Schröder

... Lisa holt ein Büchlein aus der mitgebrachten Schultasche heraus. Es ist halb so groß wie ein Lehrbuch und hat einen wunderschön verzierten Deckel, mit einem Foto von Lisa in der Mitte.
Sie schlägt das Tagebuch auf, zögert jedoch und schaut unsicher zu Duh hinüber. Er versteht, ohne dass sie etwas sagt. „Du musst mir nicht alles vorlesen, mein Schatz. Wenn du Gedanken aufgeschrieben hast, die nur für dich bestimmt sind, die kein anderer wissen soll, übergehe sie einfach; lies nur das, was du mir mitteilen möchtest.“
Lisa nickt erleichtert. Dann holt sie tief Luft und beginnt zu lesen.
„24. August 1960, Mittwoch.
Heute ist ein ganz, ganz besonderer Tag. Ich fand einen Stein, aber einen anderen Stein. Ich denke, dass Duh ihn mir geschickt hat. Er hat mir einmal gesagt, dass Freunde seelenverwandt sind und fühlen können, wenn es einem schlecht geht. Ich weiß, Duh hat es gefühlt. Er wollte, dass ich diesen Stein finde. Damit ich ihn so rufen kann. Jetzt werde ich ihn jeden Tag sehen und ihm alles erzählen. Er versteht mich und erklärt mir Dinge, die ich nicht weiß. Das ist gut. Weil es mir dann besser geht. Ich habe Duh so sehr vermisst. So sehr ...“

Bei den letzten Sätzen zittert Lisas Stimme, dann hält sie inne, schaut ihren großen Freund an und sagt schüchtern: „Das ist zwar für mich bestimmt, Duh, aber ich wollte es dir vorlesen, weil ich möchte, dass du es weißt.“
Duh antwortet nicht. Lisa wartet einen Moment und fragt dann ängstlich: „Habe ich was Falsches gesagt?“
„Nein, Liebes, Du hast alles richtig und sehr schön gesagt und geschrieben … Nur … weißt du … ich musste mich ein bisschen sammeln ... innerlich.“
Lisa versteht nicht, was Duh meint, und sieht ihn ratlos an.
Seine Erklärung folgt rasch: "Auch wenn ich schon erwachsen bin, so berühren mich manche Dinge doch sehr ... Ich möchte dir gern helfen und ich hoffe, dass ich das kann.“
Duhs Stimme klingt irgendwie anders, und Lisa denkt, dass auch er einen Kloß im Hals hat.
„Soll ich weiter lesen?“, fragt sie vorsichtig, und Duh nickt zustimmend.
„Duh hat mir eine Aufgabe gegeben. Ich soll über Menschen aus dem Dorf nachdenken, ob es jemand gibt, der böse zu mir ist. Ich habe sie mir alle vorgestellt. Manche sind komisch, manche mag ich nicht, manche sind ganz lieb. Aber keiner tut mir etwas, auch Onkel Johann nicht. Onkel Johann ist unser Nachbar. Vor ihm habe ich ein bisschen Angst, weil er seine Jungs schlägt. Sie sind wilde Kerle und stellen immer etwas an. Sie tun mir leid. Wenn ich sie schreien und weinen höre, dann weiß ich, dass ihr Papa sie wieder verprügelt. Mich hat er aber nie geschlagen. Ich bin ja auch ein Mädchen. Keiner hat mich geschlagen, denke ich. Oder habe ich es doch vergessen, und es ist diese Erinnerung, die wieder zurückkommen will?“
Lisa verstummt, schaut Duh an. Er ist ganz Ohr. So sagt Lisas Papa immer, wenn er jemandem gut zuhören will – ich bin ganz Ohr. Lisa atmet tief durch und liest weiter.
„Dann habe ich doch an einen Menschen gedacht, den ich gar nicht mag. Warum ich ihn nicht mag, weiß ich aber nicht genau. Auch er tut mir nichts, trotzdem will ich ihn nicht sehen, ich will nicht, dass er in meiner Nähe ist. Ob ich mich vor ihm fürchte? Irgendwie schon. Er macht mich unruhig, und ich fühle mich so ganz anders. Wenn er mich anguckt oder anspricht, will ich sofort weglaufen. Ich weiß, dass es so nicht richtig ist, weil er mein Bruder ist, und Brüder und Schwestern haben sich doch lieb. Er liebt mich ja auch, aber warum liebe ich ihn nicht? Ich weiß nicht, ob ich das für Duh aufschreiben soll, aber ich habe es trotzdem aufgeschrieben.“
Lisa schließt ihr Tagebuch und sieht Duh fragend an. Sie erschrickt, als sie seine Haltung wahrnimmt. Duh hat sich nach vorne gebeugt, sein Körper ist angespannt, er strahlt Bedrohung aus. Wie eine Faust, denkt Lisa, wie eine Faust, die bereit ist, zuzuschlagen. Sie wundert sich selbst, dass ihr so etwas in den Sinn kommt.
Im gleichen Moment merkt Duh, dass er dem Mädchen Angst macht, und sein Körper entspannt sich wieder.
„Alles gut“, sagt er, „alles gut, ich habe dir nur sehr aufmerksam zugehört. Erzähl mir mehr über deinen Bruder. Wie alt ist er? Wo wohnt er?“ Duhs Stimme klingt scharf und Lisa schaut ihn wieder ängstlich an ...


Die Erinnerung

Ill.: Jutta E. Schröder
Ill.: Jutta E. Schröder

... Duh setzt sich in seiner schönen Welt auf die grüne Wiese, ganz nah bei Lisa. Sie spürt die Wärme und Anteilnahme, die von ihm ausgehen. Als ob er wirklich hier sei – in Lisas schrecklicher Welt, die gerade droht, vollends über ihr einzustürzen.

Er fragt vorsichtig: „Du hast dich erinnert, nicht wahr?“

Lisa nickt, nimmt die Hände von ihrem Gesicht, sieht den Freund gequält an. „Warum? Warum? Warum hat er das getan? Das ist so, so …“, hilflos sucht sie nach Worten und schüttelt den Kopf. „Das darf doch keiner mit einem Mädchen machen … keiner! Ich schäme mich so sehr. So sehr!“

Sie senkt den Kopf und denkt: „Gut, dass Duhs Gesicht verdeckt ist.” Sie hätte ihm nicht in die Augen sehen können.

Sie fühlt den Schmerz, den der Bruder ihr zugefügt hat, aber viel intensiver ist die Fassungslosigkeit, das Entsetzen, der Ekel, die Scham. Es ist eine Vielfalt von Gefühlen, die ihr kleines Herz damals nicht verkraften konnte, die sich deshalb wie ein schwerer Stein in die Tiefen ihres Unterbewusstseins hinabsenkten. Nun sind all die Gefühle wieder da und ihr wird bewusst, dass es jetzt für sie noch schlimmer werden kann, weil sie älter ist, weil sie mehr weiß, mehr versteht. Nein, sie versteht bei weitem nicht alles – auch das ist ihr bewusst – aber sie ahnt die Abgründe, die sich vor ihr noch öffnen werden.

„Lisa, mein Schatz, hör mir zu!“ Duhs Stimme unterbricht die Stille, die auf dem Dachboden herrscht. „Dein Bruder ist ein Verbrecher. Aber er wird dir nie mehr wehtun. Nie mehr! Ich weiß, wie schlimm deine Erinnerungen sind. So schlimm, dass du sie kaum verkraften kannst. Du wirst sie auch nie wieder zurückdrängen können. Aber du bist ein tapferes, starkes und aufrichtiges Mädchen, du hast so viel Gutes in dir, das du ihnen entgegensetzen kannst – deinen Mut, deinen Verstand, deine Ehrlichkeit, deine Würde und deinen Stolz. Du kannst die Erinnerungen besiegen und du wirst sie besiegen. Du sollst wissen – ich werde für dich da sein, solange du mich brauchst. Gemeinsam schaffen wir es.“

Lisa lauscht Duhs eindringlicher Stimme. Seine Worte sind wie Balsam auf ihre offenen Wunden. Sie weint nicht mehr, sitzt ganz still da, die Hände wie eine alte, erschöpfte Frau im Schoß gefaltet, den Kopf gesenkt. Sie ist wirklich erschöpft, nur noch aus letzter Kraft hält sie sich aufrecht.

Duh merkt es und mahnt liebevoll: „Du bist müde. Du solltest jetzt ein bisschen schlafen.“

Bei diesen Worten flackert Panik in Lisas Augen auf.

„Hab keine Angst, mein Schatz.“ Die Stimme des Freundes strahlt Sicherheit aus. „Er kommt nicht zurück. Und ich werde, solange du schläfst, hier auf dich aufpassen.“

Wortlos rollt sich das Mädchen unter ihrer Decke zusammen und schließt die Augen.

Nach zwei Stunden tiefen, traumlosen Schlafes erwacht sie, setzt sich auf und sieht Duh an, der sich immer noch auf dem Dachboden, tatsächlich aber so unendlich weit weg auf einer Wiese in einer fremden Welt befindet. Lisas Blick ist jetzt viel klarer.

„Wie geht es dir?“, fragt der Mann behutsam.

Lisa zögert, horcht in sich hinein. Es tut unendlich weh – irgendwo tief in ihrem Inneren und doch fühlt sie Erleichterung.

Die Erinnerungsbilder sind alle noch da und sie weiß – sie werden auch da bleiben und immer wieder schmerzen – aber sie weiß auch: Das Monster hat sein Gesicht gezeigt, jetzt kennt sie es und sie wird lernen, damit zu leben. Lisa lächelt schwach: „Es geht mir besser. Danke, Duh.“

Der letzte Schritt ist noch nicht getan, weiß Duh. Lisa wird sich dem Unvermeidbaren stellen müssen. „Hast du genug Kraft, um jetzt zu deiner Familie zu gehen? Deine Eltern suchen dich bestimmt schon.“

Das Mädchen nickt: „Ja.“

Beim Mittagessen ist Erwin ungewöhnlich wortkarg. Diesmal weicht er den Blicken seiner kleinen Schwester aus.

Lisas Herz flattert, aber sie will ihm unbedingt in die Augen sehen und als er nach kurzer Zeit aufsteht und sagt, er müsse jetzt dringend wieder in die Stadt, schwillt in Lisas Brust unbändiger Zorn an. Er platzt aus ihr heraus mit den Worten: „DU BIST EIN VERBRECHER!“

Wie von einem Stromschlag getroffen, zuckt er zusammen. Für einen Moment kreuzen sich ihre Blicke und Lisa erkennt Angst in seinen Augen.

„Und ein Feigling bist du auch“, stellt sie ganz ruhig fest. „Ein Verbrecher und ein Feigling, ja, das bist du.“

Der Angesprochene zieht die Schultern ein und stürzt aus der Küche hinaus.

„Was war denn das?“, fragt Mama verdutzt und auch erschrocken. „Warum redest du so mit deinem Bruder? Ist was passiert? Habt ihr euch gestritten?“

„Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit. Sonst nichts.“ Lisa ist von ihrer Kühnheit selbst überrascht. Im Stillen triumphiert sie: „Ja! Ich habe ihn verjagt! Ich habe keine Angst vor ihm. Nicht mehr. Ich bin stark. Ich habe gewonnen!“


Asil

Ill.: Jutta E. Schröder
Ill.: Jutta E. Schröder

Am 1. September beginnt ein neues Schuljahr.

Lisa ist aufgeregt. Die drei Ferienmonate waren lang. Sie sehnt sich nach der besonderen Atmosphäre eines Klassenzimmers, nach dem Geruch der frisch gestrichenen Schulbänke, nach neuen Büchern und neuem Wissen. Die zweite Klasse verspricht noch interessanter zu werden als die erste.

Sie wacht an diesem Tag früh auf, ihre Schultasche liegt schon bereit, gefüllt mit Lehrbüchern, Heften, Stiften und allem, was eine Zweitklässlerin so braucht. Die älteren Geschwister, die auf die weiterführende Schule gehen, sind schon unterwegs. Lisa sitzt mit Mama und der zweijährigen Emma in der Küche.

Lisas Frühstück besteht aus Sauerrahm, auf den sie ein wenig Salz streut, und Brot, das sie hineintaucht, dazu trinkt sie heißen, ungesüßten Tee – so mag sie ihn am liebsten.

Als sie fertig ist, sitzt sie eine Weile da und beobachtet, wie Mama die Kleine füttert. Lisa sieht die dunklen Ringe um die Augen der Mutter, die von harter Arbeit gezeichneten Hände und ihr Herz zieht sich zusammen. In diesem Moment beschließt sie, entgegen Duhs Rat, dass sie ihrer Mutter nie erzählen wird, was Erwin ihr angetan hat. Nein, sie wird ihr nicht noch mehr Kummer bereiten.

Lisa steht auf, geht ein paar Schritte auf die Mutter zu, die gerade Emma vom Schoß absetzt, und beginnt schüchtern zu sprechen: „Mama …“

Die Mutter blickt ihre Tochter fragend an: „Was hast du, Kind?“

Einem Impuls folgend, umschlingt Lisa sie mit den Armen und schmiegt sich an sie: „Ich hab’ dich lieb, Mama.“

Die Mutter ist überrascht, man kann es an ihrem Gesicht ablesen, dennoch drückt auch sie Lisa liebevoll an sich: „Ich liebe dich doch auch, mein Schatz.“

Lisa schließt die Augen, um ihren plötzlichen Tränen den Weg zu versperren. Sie atmet den Duft der Mutter ein, der ihr so vertraut ist, spürt ihre Wärme und würde diesen Moment am liebsten für immer festhalten ...

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