Offener Brief


Dieser Brief ist an alle gerichtet. Ich schreibe ihn an meine Mitmenschen und jeder, der ihn liest, soll sich angesprochen fühlen. Im Grunde ist es kein Brief, sondern eher ein Statement – zu meinem Leben, zu dem, was ich tue und wieso.

Ja, ich glaube, es ist an der Zeit, die Frage zu beantworten, die mir heute zum wiederholten Mal gestellt wurde: "Warum veröffentlichst du im Netz Texte, die so persönlich sind?" Die unausgesprochenen Worte, die ich dahinter spürte, waren jedoch: "Müssen es alle wissen? Das ist doch peinlich!"

Ist es das?

Ich versuche mal, diese Frage zu beantworten, auch wenn es womöglich für den einen oder anderen von euch wiederum zu intim sein wird. Ich beginne mit einer der ersten bewussten, klaren Empfindungen, mit einer Erinnerung, die sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Vielleicht war ich vier, vielleicht fünf Jahre alt, vielleicht etwas älter.

Es ist grauer Morgen. Meine Mutter hebt mich aus dem Bett. Ich schäme mich, weil das Bett nass ist und weil ich das verursacht habe. Aber nicht die Scham ist das Schlimme, sondern ein anderes, unerträgliches, unsägliches Gefühl ... Wie soll ich es erklären? Auch jetzt fällt es mir schwer, es zu verdeutlichen. Ich kann es jedoch immer noch spüren ... Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Panik? Unendlicher Kummer? ... Jedenfalls war es keine normale Traurigkeit eines gekränkten Kindes, die sich in gewisser Weise doch angenehm anfühlt, die Hoffnung birgt, die nach Verständnis ruft. Nein, das war es nicht. Ein Gefühl der Endgültigkeit? Der Gewissheit – mich erwartet hier nichts, hier gibt es nichts? ... Ich wollte auch nichts, ich wollte nur irgendwohin verschwinden, nicht mehr sein ...

Das war meine erste Begegnung mit dem, was ich heute als Depression kenne.

Nun musste ich weiter leben, depressiv oder nicht. Und ich lebte weiter, ich hatte mich mit dieser hässlichen, grauen Hexe arrangiert, irgendwie konnte ich sie im Hintergrund halten, nicht zulassen, dass sie mich und mein Dasein völlig vereinnahmt. Aber sie war immer präsent. Eigenartigerweise konnte ich sie in stillen Momenten am stärksten spüren. Da reichte es nur, den Blick über die weiten Felder zum Horizont, zum grünen Waldstreifen schweifen zu lassen, um zu wissen – da, über der dünnen, grünen Linie flackert etwas ... Es lauert in der Ferne, wartet den passenden Moment ab, um mich zu überfallen und mir alles zu nehmen, um mich zu lähmen und vielleicht auch ganz zu vernichten.

Dieses Etwas bekam natürlich noch seine Gelegenheit, zuzuschlagen – es war nur die Frage der Zeit.

Als Kind und Jugendliche hatte ich mit keinem Menschen darüber gesprochen, mich nie beklagt. Wie sehr jedoch sehnte ich mich danach, dass jemand mich anspricht, mich fragt, wie es mir geht, was mir fehlt. Ich versuchte sogar, Erwachsene auf mich aufmerksam zu machen, indem ich demonstrativ meine Traurigkeit zur Schau stellte. Aber auch das nutzte nichts, keiner hat das kleine Mädchen und seine stummen Hilferufe wahrgenommen, keiner hat es verstehen wollen. (Ja, leider gibt es so einen Duh wie in "Andersrum" nicht im wirklichen Leben …). Was hätte ich den Menschen, den Erwachsenen sagen wollen? Das wusste ich nicht, ich wusste nicht mal richtig, was mich so quälte. Vielleicht hätte es mir gereicht, einfach nur getröstet, in Arm genommen zu werden.

Erst Jahrzehnte später ist das tief Vergrabene aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche gelangt. In einer Schreckens-Stunde konnte ich den Grund meiner Depression erkennen und viele meiner Eigenarten verstehen. Der erste Impuls darauf war: Das darf niemals jemand erfahren! Nach und nach ist mir dann doch klar geworden – nein, so läuft das nicht! Als Kind konnte ich mich zu meinem Zustand nicht äußern und jetzt soll ich wieder schweigen? ...

Peinlich? Nein, im Gegenteil – es tut der kleinen Rosa, die sich so lange vergeblich nach Verständnis und Zuneigung sehnte, gut. Und die große Rosa empfindet so etwas, wie Befreiung, Genugtuung. Ich weiß, nicht alle können dies nachvollziehen, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, dass es uns beiden hilft. Es ist unsere eigene Therapie, wenn man das so betrachten will. Die große Rosa ist stolz darauf, dass die kleine Rosa so tapfer war und trotz allen Widrigkeiten ihr Leben gut gemeistert hat.

Einige meiner Geschwister, die vor Kurzem erst zu hören bekamen, was ihrer, damals fünfjährigen, Schwester angetan wurde, waren zutiefst entsetzt ... Entsetzt darüber, dass ich solche Lügen verbreite.

Ich hatte es fast erwartet. Fast, weil ich doch tief im Herzen einen Funken Hoffnung hatte, dass sie wenigstens nachdenken würden, bevor sie ihrer Empörung freien Lauf lassen. Aber Nachdenken ist für sie wohl unmöglich, besonders wenn es um mich geht, die ich sowieso alles falsch macht. Die statt Männer Frauen liebt und das nicht mal geheim hält, sogar mit einer Frau in eingetragener Partnerschaft lebt und behauptet, sie sei mit ihr glücklich. Obwohl sie zwei Kinder geboren hat und früher mit einem Mann verheiratet war, der so gut zu ihr war ... Das kann doch gar nicht richtig sein! Oder? Also ist es eine Lüge und somit ist auch alles andere, was sie sagt und tut, falsch und verlogen. Verkehrt eben. Andersrum.

Es fällt ihnen nicht im Traum ein, dass sich mein Wesen nicht verändert hat, dass ich genauso hilfsbereit, gefühlvoll, ehrlich bin, wie auch früher. Ich bin immer noch derselbe Mensch, der ich vor Jahren war und der jetzt diesen Brief hier schreibt. Nur älter und weiser. Ich lebe mein Leben und bewältige alles auf meine eigene, ganz persönliche Art, und so ist es richtig. 

Dazu stehe ich mit meinem Namen ...

Rosa Ananitschev

14.10.2014

 

PS (11.11.2016): Wer mich kennt, weiß, wovon ich spreche. Meine autobiografischen Texte waren bis jetzt für alle zugänglich. Nun habe ich die meisten davon aus dem Netz genommen. Der Grund: sie sind als Buch unter dem Titel "In der sibirischen Kälte" im Karina-Verlag veröffentlicht.

 

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