Interview  für "Kontakt-Chance"


Doppeltes Glück

Ohne Bücher ist das Leben für Rosa Ananitschev undenkbar. Bücher sind ihre ständigen Begleiter und den Beruf als Bibliothekarin hat sie vor vielen Jahren ganz bewusst gewählt. Jedoch verleiht sie nicht nur Bücher – sie schreibt sie auch selbst. Heute erzählt sie über sich.

Mittel gegen Depressionen

Geboren und aufgewachsen bin ich in Dobroje Pole (Schönfeld) – einem der vielen deutschen Dörfer Sibiriens. Alle meine Vorfahren waren deutscher Nationalität (geb. Schütz). Nach der Heirat wohnte ich mit meiner Familie in Omsk und arbeitete als Bibliothekarin – bis zu meiner Ausreise 1992 nach Deutschland. Ich habe zwei Söhne und zwei Enkelkinder.

 

- Wie hat Deutschland Sie aufgenommen, wie haben Sie sich in die neue Gesellschaft integriert?

Diesen Tag Anfang Dezember 1992, als wir am Frankfurter Flughafen landeten, habe ich noch klar in Erinnerung … Die Aufregung, die Neugier auf das fremde Land, die Vorfreude auf das Wiedersehen mit meinen Geschwistern … und dann der schreckliche Moment, in dem die Welt für mich und um mich ohne Vorwarnung zusammenbricht – die Freude ist weg, die Kraft ist weg, der Mut ist weg. Nur sie ist da – die Depression. Zwei Jahre habe ich für die Ausreise gekämpft, gemacht und getan, und jetzt, wo ich am Ziel bin, hat sie mich wieder im Griff! …

Ja, die erste Zeit in Deutschland war eine schwere Zeit für mich. Depressiv oder nicht – ich musste funktionieren, die Familie brauchte mich – nur ich konnte mehr oder weniger gut Deutsch sprechen. Trotzdem habe ich es in keinem einzigen Augenblick bereut, die damalige UdSSR verlassen zu haben. Und die Depression … die ließ eines schönen Frühlingstages von mir ab – ebenso plötzlich, wie sie mich am Frankfurter Flughafen überfallen hatte.

- Wann griffen Sie das erste Mal zur ‚Feder‘?

In der dritten Klasse mussten wir einen Aufsatz schreiben. Etwas ganz Neues für uns und ein Erlebnis für mich persönlich. Da hatte ich es zum ersten Mal – dieses besondere Gefühl, wenn du überlegst, schreibst, zögerst, das Aufgeschriebene streichst … und alles dann mit anderen Worten neu schreibst … Irgendwann liest du den endgültigen Text und denkst: „Das ist aber gut geworden!“ Dieser Meinung war auch meine Lehrerin – ich bekam eine 5 [was der deutschen 1 entspricht] und mein Aufsatz wurde vor der ganzen Klasse vorgelesen. In den folgenden Schuljahren blieb die Fünf für alle meine schriftlichen Arbeiten beständig. Allerdings war‘s das auch schon mit meiner schriftstellerischen Tätigkeit in Russland. Hier jedoch – in Deutschland – bekam meine Begabung eine zweite Chance. Gemerkt habe ich das schon im ersten Jahr, im Deutsch-Sprachkurs, und später fand ich eine wunderbare Möglichkeit, eigene eBooks im Internet zu erstellen, auf der Seite: www.bookrix.de/-anarosa. Es waren überwiegend autobiografische Geschichten. Das Schreiben hat mir geholfen, vieles in der Vergangenheit mit anderen Augen zu sehen und zu verstehen, warum ich schon seit meiner Kindheit unter Depressionen leide. Auf diese Weise konnte ich der kleinen Rosa zuhören – dem Mädchen, das so lange schwieg und innerlich litt, ohne zu wissen, warum und wieso.

 

- Darüber erzählen Sie auch in ihren Büchern?

Ja, mein erstes Buch „Andersrum“ behandelt das Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs. In der Novelle erzähle ich von einem Mädchen, das von ihrem Bruder sexuell missbraucht worden ist, davon, wie sie einen geheimnisvollen fremden Menschen kennenlernt (vielleicht war es auch gar kein Mensch) und mit dessen Hilfe es schafft, ihr Trauma zu verarbeiten und sich gegen den Peiniger zu wehren. Mir ist wichtig, dass solche Verbrechen aufgedeckt und der ganzen Welt offenbart werden, und vielleicht kann ich so anderen Kindern helfen. Es ist eine warmherzige, aufrichtige Geschichte und man kann einfach nicht anders, als die kleine Lisa zu lieben. Das Buch empfehle ich Erwachsenen, aber auch Kinder ab 12 können es lesen.

Mein zweites Buch „In der sibirischen Kälte“ ist autobiografisch und beinhaltet Geschichten über meine Kindheit, über mein Leben in Russland und Erfahrungen in Deutschland. Verständlich, dass es darin nicht nur um glückliche Momente geht. Besonders interessant wäre es, denke ich, für diejenigen, die aus dem gleichen Land kommen. Ich muss jedoch sagen, viele Menschen, die mit Russland überhaupt nichts zu tun haben, lesen es gerne, und die Resonanz ist ausgesprochen positiv.

 

- Wie ist es Ihnen gelungen, so ein gutes Deutsch aufs Papier zu bringen?

Ich denke, das ist eine Begabung, die mir schon in die Wiege gelegt wurde. Mein Russisch war stets ohne Fehler und auch, wenn ich jetzt Deutsch schreibe, passieren sie mir immer seltener. Zudem war Deutsch immerhin meine Muttersprache und aus der Kindheit ist noch einiges hängengeblieben.

 

Bücher für immer

- Hatten Sie sich jemals vorgestellt, Schriftstellerin zu werden?

Nein, so etwas kam mir vorher nie in den Sinn. Die ersten Jahre in Deutschland arbeitete ich als Putzfrau. Erst Anfang 2000 brachte eine meiner Bewerbungen Erfolg und ich bekam eine Stelle in der Stadtbücherei Lüdenscheid, wo ich auch immer noch tätig bin. Ich hatte sogar doppeltes Glück. Neben dem Kundendienst übertrug man mir gleich zu Beginn die Arbeit in der Katalogisierung – das war auch in Omsk mein Aufgabenbereich. Nur in den russischen Bibliotheken gab es damals noch richtige Katalogkästen und ich fertigte die Katalogkarten mit der Schreibmaschine; in Deutschland hingegen hatte ich von Anfang an mit der elektronischen Datenverarbeitung zu tun. Das Schreiben war für mich ein Hobby, nichts Ernstes, sogar dann noch, als ich anfing, meine Geschichten im Internet zu veröffentlichen. Ich kann auch nicht sagen, dass ich einen großen Bekanntheitheitgrad habe; ihn zu erlangen, ist gar nicht so einfach – bei so vielen Schreibenden. Aber es gab schon ein paar Lesungen, eine Sendung im Lokalradio und auch Artikel in der Presse. Und – was mich besonders freut – meine Bücher werden gern und immer wieder in den Bibliotheken ausgeliehen, vor allen in der, wo ich selbst arbeite.

 

- Konnten Sie ihre Liebe zum Buch an die Kinder und Enkelkinder weitergeben? Haben Bücher und Bibliotheken überhaupt eine Zukunft oder sterben sie aus?

Meine Kinder lesen leider nicht viel, aber die neunjährige Enkeltochter versucht sich sogar schon in kleinen Geschichten und selbstverständlich stehe ich ihr mit Rat und Tat zur Seite ...

Nein, ich denke nicht, dass Bücher und Bibliotheken ‚aussterben‘ werden. Trotz der Vielfalt von eBooks und elektronischen Lesegeräten, halten die meisten Menschen (mich eingeschlossen) doch lieber ein echtes Buch in der Hand und blättern gern in richtigen Papierseiten. Außerdem hat in der heutigen Zeit jede Bibliothek außer Bücher noch vielerlei andere Medien im Angebot.

Olga Fefer