Mein Großvater


Johann Hetterle wurde 1871 im Dorf Scherowo (deutscher Name Peterstal) geboren.

Die wohlhabende Familie besaß einen kleinen Bauernhof, zudem war Johann ein angesehener Prediger in der Baptisten-Gemeinde des Dorfes. 1933 kam es, wie es kommen musste – die Sowjets enteigneten ihn als Kulak und damit nach ihrer Ideologie als Feind des Volkes. Man nahm den auf diese Weise gebrandmarkten Menschen alles weg, bis auf wenige Sachen, die sie im Gepäck haben durften, und deportierte sie nach Sibirien.

So kamen die Hetterles nach Schönfeld im Omsk-Gebiet. Wenigstens in einem hatten sie Glück – das Dorf war auch von Deutschen besiedelt, die sie herzlich aufnahmen und unterstützten. 

Johann und Margarita Hetterle
Johann und Margarita Hetterle
Margarita Hetterle (geb. König) mit Töchtern Aneta (links) und Ida (meine Mutter)
Margarita Hetterle (geb. König) mit Töchtern Aneta (links) und Ida (meine Mutter)

Ein Wechseln des Wohnsitzes war den Deportierten nicht erlaubt. Nur mit schriftlicher Genehmigung durfte man das Dorf verlassen, sei es auch, um lediglich in die nächste Siedlung zu gelangen. Erst 1956 wurde diese Meldepflicht für die deutsche Bevölkerung Russlands aufgehoben.

Im Grunde war das gesamte Leben der Deutschen vorprogrammiert, Schicksalsschläge gleich inbegriffen. Im Juli 1937 (27.07.1937) erfolgte er auch schon – der nächste schwere Schlag. Mein Großvater, dessen ältester Sohn (Mamas Bruder) sowie acht weitere deutsche Männer aus dem Dorf wurden als Verräter verhaftet. Man riss sie nachts aus dem Schlaf und brachte sie fort. Für immer. Es gab keine Erklärung, keine Anklage, kein Gerichtsverfahren – nichts. Alle Erkundungen von Seiten der Familie stießen auf eine Mauer des Schweigens, und zu oft Fragen stellen war bekanntlich sehr gefährlich in diesem Land. (17.11.1937,  20.11.1937)

Erst 1989 bekam mein Bruder auf die erneute Anfrage eine Antwort von der Staatsanwaltschaft (deutsche beglaubigte Übersetzung):

Auf Ihre Anfrage bezüglich des Schicksals Ihres Großvaters hin teile ich Ihnen mit:

Auf Anordnung der Troika des UNKWD für das Gebiet Omsk vom 17.11.37 ist IWAN HETTERLE, geboren 1871, erschossen worden. Auf Anordnung des Präsidiums des Gebietes Omsk vom 29.O1.58, auf den Protest des Gebietsstaatsanwalts hin, ist die Anordnung der Troika aufgehoben worden und der Strafprozess eingestellt, da keine Straftat vorlag. Die Bescheinigung über die Rehabilitierung können Sie beim Versorgungsdienst erhalten.

Dieses Schreiben benötigt wahrhaftig keinen Kommentar, der Inhalt der nüchternen Zeilen spricht für sich selbst. Bemerkenswert – Johann Hetterle wurde bereits 1958 rehabilitiert, die Familie zu benachrichtigen hielt man jedoch für überflüssig.


Nachzulesen, allerdings auf Russisch, auf dieser Seite:

Links zu Namens-Eintragungen in Memorial-Büchern: