Andersrum

"Andersrum" im Hamburger Literatur-Radio

01.04.2015, 10.00

Rena Larf liest

im Hamburger Literatur-Radio

aus dem Buch "Andersrum",

Sendedauer 31 Min.

Auch wenn die Sendung schon längst gelaufen ist, kann man sie jederzeit noch hören. Wunderbar vorgelesen!

Videotrailer zum Buch - von Renate Zawrel und Jutta E. Schröder

Die Geschichte erzählt von einem kleinen Mädchen … Es ist jung, sehr jung und unerfahren, vermag in einer besonderen Glühbirne noch etwas zu entdecken, was uns Erwachsenen verborgen bleibt. Ein Märchen, eine fantasievolle Kindergeschichte? Weit gefehlt, denn hinter den so spielerischen Zeilen verbergen sich Dinge, die zu oft unausgesprochen bleiben, beinahe ein Tabu sind. Mit Hilfe einer dunklen Gestalt, die anderen fremdartig, mysteriös und vielleicht sogar furchterregend erscheint, versucht das Kind, Geschehenes zu verarbeiten und ihrem Leben wieder Freude und Zuversicht einzuhauchen. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, denn jeder Leser, jede Leserin sollte die Welt der kleinen Lisa für sich entdecken und sich Gedanken darüber machen, welches Schicksal sich hinter der Geschichte verbirgt. Denn die Autorin selbst lässt in ihrem Nachwort offen, ob doch ein Kern Wahrheit in dieser Novelle steckt. Eine berührende und zu Herzen gehende Erzählung.

Illustrationen zum Buch von Jutta E. Schröder

Making of - "Andersrum"

So manches Mal kann es passieren, dass Verdrängtes plötzlich wieder an die Oberfläche gelangt und den Betroffenen zuweilen fassungslos zurückläßt. Vergessenes bleibt nicht immer vergessen, mag die Erinnerung an etwaig Schreckliches auch oft recht lange in uns schlummern; eine Handbewegung vielleicht oder ein unbedachtes Wort vermögen sie unversehens zu wecken und dann zeigen sie, dass sie nichts von ihrer Kraft eingebüßt haben.

Rosa Ananitschev versteht es meisterhaft, den Leser an der Hand zu nehmen und behutsam in die dunklen Erinnerungen eines Kindes hineinzuführen. Erinnerungen, die spät erst anklopfen und Einlaß begehren. Doch auch Erinnerungen, die – so schmerzlich sie auch sein mögen – durch die Hand eines Freundes zum Verschwinden gebracht werden können. Aber wer, bitteschön, sollte dieser Freund denn sein …?

Rosa Ananitschev erzählt:

Es sollte ursprünglich eine Kurzgeschichte zu einem Bild werden, auf dem ein kleines Mädchen eine riesige, in die Erde eingepflanzte, leuchtende Glühbirne bestaunt. Eine Mischung aus Fantasie und eigenen Kindheitserlebnissen – zunächst als abgeschlossene Geschichte auf einer Internetplattform.

Im Mittelpunkt steht die kleine Lisa, ein Kind, das in einem sibirischen Dorf aufwächst und Bekanntschaft mit einem geheimnisvollen Fremden macht. Der Fremde will Lisas sehnlichsten Wunsch erfüllen und sie von ihrer Traurigkeit und den Albträumen befreien.

Das kleine Mädchen wuchs mir von Anfang an ans Herz, und als ich die fünf Begriffe „Frühlingsbote, Berggipfel, rote Stiefel, Kieselstein, Suppe“ als Vorgabe für eine neue Kurzgeschichte vor Augen hatte, sprangen mich die ‚roten Stiefel‘ förmlich an.

Sie erinnerten mich daran, wie sehr ich mir als Kind neue schwarze, glänzende Gummistiefelchen wünschte (ob es damals überhaupt rote gab?), weil meine alten schon so hässlich aussahen. Dann dachte ich an Lisa – auch sie würde bestimmt gern neue Stiefelchen bekommen, da war ich mir sicher.

Alles andere war nicht mehr schwer und fügte sich wie von selbst in eine ‚Andersrum‘-Fortsetzung ein. Diesen Teil schrieb ich mit einem inneren Lächeln. Ich wollte das Mädchen einmal so fröhlich und unbeschwert sehen, wie es ihre Natur auch war. Lisa sollte einfach nur Freude erfahren, das schöne Gefühl erleben, beachtet und geliebt zu sein … und wieder wurde es eine in sich abgeschlossene Geschichte.

Dennoch ließ mich die Kleine von nun an nicht mehr los. Obwohl der Grund von Lisas Bedrücktheit im ersten Teil für den Leser im Unklaren bleibt, wusste ich insgeheim, was der Auslöser ihrer schlimmen Träume war. Und ich wusste, dass ihre Fröhlichkeit und Unbeschwertheit nicht lange währen konnten. Der Stein in ihrem Herzen, mehr schon ein Felsbrocken, war zu schwer, jeden Moment konnte er sich in Bewegung setzen und Lisas Welt aus dem Gleichgewicht bringen.

Nein, die Episode ‚Die lachenden Gesichter‘ war nicht abgeschlossen, ganz und gar nicht! Es war bloß die Ruhe vor dem Sturm. Lisa hatte noch einiges zu bewältigen, und ich konnte und wollte das kleine Mädchen keinesfalls im Stich lassen.

Lisas Geschichte weiterzuschreiben war für mich eine Herausforderung. Ich musste mit dem Kind sehr behutsam umgehen, ihm genau zuhören, mich in seine Gefühle versetzen, es verstehen wie Duh es tat.

Duh ist eine besondere Figur. Sie entstand mehr intuitiv, und erst als ich mit dem Text fertig war und über Änderungen und Verbesserungen nachdachte, stellte ich fest, dass ich an Duh absolut nichts verändern wollte.

Warum gerade er? Warum jemand aus einer fremden Welt?

Ja, er ist kein Mensch! Aber welcher Mensch hätte Lisa und den vielen, vielen anderen Kindern in dem ‚weiten Land‘  bei einem besonderen Problem helfen können?

Keiner in Lisas Umfeld war dazu imstande. Auch wenn sie versucht hätte, um Hilfe zu rufen, nach Hilfe zu schreien: Sie wäre auf Unverständnis gestoßen. Das ahnte selbst das kleine Mädchen. Es hatte nur zu einem Wesen tiefstes Vertrauen aufbauen können – zu Duh; und das schon nach der ersten Begegnung mit ihm.

Warum ohne Gesicht, warum die schwarze Kleidung? So einer macht Kindern doch Angst, wenn er plötzlich nachts im Zimmer erscheint? Müsste er nicht freundliche Gesichtszüge haben und weiß gekleidet sein?

Diese Fragen hat man mir schon gestellt, und ich gebe zu – ich hatte kurz darüber nachgedacht, Duhs Erscheinungsbild zu korrigieren. Sehr kurz, denn schon im nächsten Moment wusste ich, das würde ihn zerstören, es würde ihn unglaubwürdig und fast lächerlich machen.

Nein, Duh muss so bleiben, wie er ist. Er ist kein Engel und kein Gott. Er ist nicht mal ein Zauberer. Er kann Lisas Kummer nicht einfach wegzaubern, er konnte das, was ihr angetan wurde, auch nicht verhindern oder ungeschehen machen.

Duh jagt Lisa keine Angst ein, so dunkel und fremdartig an ihrem Bett sitzend. Das andere, das sich in ihrem Inneren festgekrallt hatte, ist viel beängstigender, viel dunkler, viel entsetzlicher.

Ich gestehe – auch ich vertraue dem ‚dunklen Mann‘, auch ich finde ihn großartig und halte seinen Einsatz für die bedeutsamste Heldentat auf Erden.

Ich habe ‚meine‘ Lisa – ein deutsches/russisches Mädchen – nicht zufällig in einem kleinen Dorf aufwachsen lassen, das zwischen den Birkenwäldern liegt, sondern ganz bewusst. Es gab dort Missbrauch – nur wurde dem keine Beachtung geschenkt: Ihren Peinigern ohne Schutz ausgeliefert, versuchten die Opfer zu überleben, indem sie das Unbegreifliche und den Schmerz tief ins Unterbewusste verdrängten, es für Jahrzehnte begruben. Wann jedoch alles wieder an die Oberfläche kommt und ihr Leben noch einmal zunichte macht – das ist nur eine Frage der Zeit.

Lisa ist ein Beispiel dafür, dass es so war und dass es vielleicht immer noch so ist.

Ich habe sie mir nur ausgedacht? Hm, vielleicht … Vielleicht aber auch nicht …

Ja, Lisa ist ein tapferes Mädchen. Mit Duhs Hilfe wird sie es schaffen; sie wird ihren Weg gehen.

Und wenn es ihr zusammen mit mir gelingt, auch nur einen Erwachsenen wachzurütteln, einen zweiten und einen dritten zum Nachdenken zu bringen und uns alle achtsamer zu machen, dann ist Duhs Mission auf dieser Erde erfüllt.

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