„Ich bin gespannt auf die Parallelen, die wir in unserer Kindheit hatten“, schrieb mir Ida Häusser in der Widmung zu ihrem Buch Meins!
Auch ich war nicht weniger gespannt auf Idas Geschichte. Und gleich zu Beginn muss ich etwas anmerken: den Namen Ida. In meiner Familie gab es sogar drei Idas – meine Mutter, meine Schwester und meine Tante.
Dann tauchte ich in eine Kindheit ein und konnte nicht anders, als immer wieder zu lächeln und zustimmend zu nicken: „Ja, genauso war es auch in meiner Kindheit.“
Nein, unsere Familien waren nicht gleich, aber schon der Begriff Russlanddeutsche einte sie. Ihre Vorfahren nahmen einst aus der Urheimat Deutschland Traditionen und Bräuche mit, die sie im neuen Land fortführten und pflegten. Für russische Verhältnisse waren sie fremd. Das machte diese Familien besonders, und zur Zeit der Diktatur Stalins und des Zweiten Weltkriegs besonders gefährlich.
Die Deutschen in Russland erlebten schwere Repressionen. Die Wolgadeutsche Republik wurde nahezu aufgelöst, und die Menschen wurden in alle Himmelsrichtungen deportiert, die meisten nach Kasachstan und Sibirien. Doch ob in Kasachstan, wo Ida aufwuchs, oder in Westsibirien, wo ich meine Kindheit verbrachte – das Dorfleben war ähnlich. Auch ich erinnere mich gut an Ranetki (in Sibirien gab es noch andere Apfelsorten) und deren köstlichen Geschmack. Es gab so vieles, was gleich war. Nur ein Pianino besaßen wir nicht, dafür aber ein Fußharmonium, auf dem mein Vater spielte. Leider habe ich es nicht gelernt. Ebenso besaß mein Vater ein Motorrad mit Beiwagen, das er sorgfältig pflegte. Ach, alles kann ich hier gar nicht auflisten, und das muss auch nicht sein.
Dieses kleine, aber inhaltsreiche Buch tat mir in der Seele gut. Nicht nur wegen der Gemeinsamkeiten, sondern gerade weil die Atmosphäre in Idas Familie eine ganz andere war als in meiner. Ich spürte die Wärme und vor allem die Achtung, die den Kindern entgegengebracht wurde. Diese Wärme, die Zugewandtheit der Eltern fehlten mir in meiner Familie.
Ida Häusser hat einen wunderbaren Schreibstil: Poetisch, einfühlsam, und doch mit viel Humor beschreibt sie ihre Vergangenheit. Sie erzählt nicht nur von schönen Episoden. Ich habe sie gern begleitet, habe mich mitgefreut, stellenweise aber auch mitgelitten, denn es gab auch Trauriges, das seine Schatten über die Familie ausbreitete. Trotzdem erinnert sich Ida gern ans Kindsein, und ich bin dankbar für diese kleine Reise, die ich mitmachen konnte.
"Meine Eltern wurden vom Leben kinderreich beschenkt und steckten in uns ihre ganze Kraft, all ihre Wärme und Liebe. Wenigstens wir sollten in der Verbannung eine schöne Kindheit haben."
Es freut mich, dass Ida eine behütete Kindheit hatte. Keiner der zehn Geschwister wurde benachteiligt oder weniger geliebt. Das können nicht viele von sich behaupten, die zu dieser Zeit in Russland lebten.
"Ich bin dafür, dass man die Kindheit heiligspricht, in allen Religionen, in allen Kasten, auf der ganzen Welt. Die Kindheit ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Menschen, das Heiligste, was wir haben. Wenn das jedem bewusst ist, wird sie keiner stören, keiner wird einem Kind, einer Mutter, einem Vater etwas antun, weil er es seiner eigenen heiligen Kindheit antäte."
Ein Gedanke, dem ich aus tiefstem Herzen zustimme. Doch die Wirklichkeit ist oft eine andere. Gerade die Unschuldigen, die Schwächsten unter uns tragen die schwersten Lasten. Weil sie klein sind. Weil sie wehrlos sind. Weil die Großen ihre Macht über sie ausnutzen.
Aber Kindheit ist kein Besitz, kein Kapitel, das man einfach hinter sich lässt. Sie ist ein inneres Land, das uns prägt, uns formt und uns durchs Leben trägt. Sofern diejenigen, die Macht über uns haben, es nicht zerstören …
Alles, was du aus diesem Land der Kindheit mitgenommen hast, liebe Ida – seien es schöne oder weniger schöne Momente – gehört dir und bleibt in dir. Es ist alles: Deins! Es wird dich für immer begleiten und dein Leben bereichern. Und genau so soll es sein!
Zu finden ist das Buch „Meins!“ von Ida Häusser bei Amazon und in anderen Buchshops, ISBN: 978-3-7448-3874-0.

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