Dieser Text, ursprünglich mit der Überschrift „Gedanken zur späten Stunde“, stammt aus meiner alten Schreibwerkstattmappe. Als ich ihn las, dachte ich, wenn ich ihn etwas überarbeiten und anpassen würde, könnte er vielleicht noch lesenswert sein. Jetzt frage ich mich allerdings, was ich damit eigentlich sagen wollte, damals, vor mehr als 30 Jahren. Hm …
Viertel nach acht. Eine späte Stunde … Oder vielleicht doch nicht? Das hängt davon ab, wie man sie betrachtet. Eben hat uns unsere Kursleiterin zu dieser späten Stunde eine Aufgabe gestellt: eine kurze Geschichte zu schreiben.
Nun sitze ich vor meinem Notizbuch und zerbreche mir den Kopf darüber, wie ich in dieser späten Stunde noch eine Geschichte über eine späte Stunde erfinden soll.
Aber vielleicht ist es genau dieser Moment, der sich dafür eignet. War es nicht gerade diese Zeit in meinem früheren Leben, die ich am meisten liebte?
Alle schlafen schon. Die Hausarbeiten sind erledigt. Im Zimmer ist es still. Nur die Wanduhr zählt unaufhaltsam Sekunde für Sekunde von meinem Leben ab, völlig gleichgültig meinem Befinden gegenüber. Ich lese ein paar Seiten, doch irgendwann löst sich mein Blick vom Buch, und ein Gedanke taucht auf, ungerufen und oft ohne jeden Zusammenhang mit dem, was ich gerade gelesen habe.
In diesen Stunden werden meine Gedanken ein wenig eigenwillig. Sie können mich erfreuen oder mir Angst einjagen, sie können hell und klar oder düster und schwer sein, je nachdem, wie meine Stimmung ist. Manchmal schreibe ich sie auf, denn ich weiß, wie schnell sie mir entkommen können. Meistens lasse ich sie aber einfach vorbeiziehen. Dann verschwinden sie so leise, wie sie gekommen sind, ohne jede Spur. Manche jedoch hinterlassen ein Gefühl des Unwohlseins, das länger an meinem Herzen nagt.
Am nächsten Tag erscheinen mir meine Gedanken belanglos, sogar lächerlich. Doch wenn ich das Aufgeschriebene lese, spüre ich, dass etwas in ihnen verborgen liegt – etwas Bleibendes, etwas, das auch seinen Wert hat.
Dann sind da noch die „Wolfsstunden“ in der Nacht – Stunden ohne Schlaf, dafür voller Grübeleien, die ich gar nicht haben will, die mich beunruhigen und fast panisch werden lassen. Sie machen aus einem kleineren Problem schnell eine riesige Katastrophe. Diese Gedanken möchte ich nicht auf dem Papier festhalten. Sie sollen gehen und nie wieder den Weg zu mir finden. Doch viel zu oft habe ich keine Macht über sie. Erst das Morgenlicht kann sie endgültig vertreiben.
Meine besten Gedanken besuchen mich in der späten Stunde. Die schlimmsten leider auch.


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