Es ist schwer, zurück zur Tagesordnung, zu gewöhnlichen Dingen des Alltags zu wechseln, einfach weiterzumachen. Nach dem tragischen Tod eines so geliebten Menschen ist nichts mehr wie es war. Jede Erinnerung an ihn schmerzt. Die Fotos an der Wand, auf denen Mikel und seine kleine, frisch eingeschulte Schwester fröhlich in die Kamera grinsen, ein anderes, das ihn selbst am ersten Schultag zeigt – man möchte sie lieber nicht ansehen. Er war ein so liebenswerter Junge, von allen und jedem...
Viele, die dies lesen, wissen es bereits. Andere wundern sich vielleicht angesichts des Beitragstitels und des Bildes, aber so fühlen wir uns – als wären wir in ein schwarzes, bodenloses Loch gestürzt. Es ist unfassbar, für alle, die Mikel kennen und lieben gelernt haben. Mein Enkelsohn, der wunderbarste Mensch der Welt, ist nicht mehr da. Von einem Moment auf den anderen hat das Schicksal ihn uns genommen, für immer. Es gibt keinen Trost, nichts, was diesen unendlichen Schmerz lindern...
Es ist sechs Jahre her, dass die Schreiblust auch meine Enkeltochter ergriff. (Liegt es in den Genen, oder habe ich sie bloß angesteckt?) Mit ein wenig Hilfe von mir entstanden damals einige Kurzgeschichten – die ersten zarten Versuche, die Welt in Worte zu fassen. Eine davon fand sogar ihren Weg in die Geschichtensammlung „Überall ist irgendwo“ und in eine Zeitschrift. Ich war stolz, und sie war es auch – das Leuchten in ihren Augen ist auf den Fotos nicht zu übersehen.
Es ist für mich inzwischen so selbstverständlich – mein Leben im Wohlstand, in der Demokratie. Und doch denke ich oft an vergangene Zeiten, daran, was für ein Glück (im Unglück) ich hatte, in Russland als Deutsche geboren zu sein. Sonst wäre meine Familie dem totalitären Regime wohl niemals entkommen. Eigenartig, dass das Land mir erst im Nachhinein wie ein Albtraum vorkommt. Als ich noch dort lebte und keine Alternativen kannte, schien mir mein Leben normal zu sein. Ich hatte zu...