Musik, die ich liebe



Die Entdeckung

Auszug aus "In der sibirischen Kälte"

Ich muss gestehen, meine mir genehme Musik entdeckte ich erst recht spät. Aber schon als Kind hörte ich Vater gern zu, wenn er Geige oder Harmonium spielte. Es waren religiöse Lieder und obwohl ich nicht an Gott glaubte, mochte ich sie, denn mich zog das Traurige, das Hymnenartige an ihnen an. Später, im Jugendalter, hörte ich natürlich die aktuelle Pop- und Rockmusik, sowohl die russische als auch die der ‚kapitalistischen‘ Welt, aber mir gefielen ebenso die getragenen russischen Volkslieder mit ihrer Melancholie und Schwermut.

 

Als ich nach Deutschland kam, hatte das Thema Musik erst einmal zweit- und drittrangige Bedeutung, denn es gab zu viele Dinge, die wichtiger waren. Aber irgendwann, als ich mich im Land heimisch fühlte, kam der Moment, in dem auch das Bedürfnis nach Musik wieder geweckt wurde.

 

Ich ‚probierte‘ es mit Schlagern, einfach wegen der deutschen Sprache, verlor jedoch schnell das Interesse an ihnen. Dann wandte ich mich der klassischen Musik zu, konnte mich damit auch nicht so richtig anfreunden: Vieles hörte ich gern, zu mehr reichte es nicht. Irgendetwas fehlte mir. Einzig das Adagio von Albinoni hatte es mir angetan, dieses Stück habe ich immer noch auf meinem iPod.

 

Eines Tages – ich war gerade beim Stöbern in einem bekannten Buchladen – lief im Hintergrund Musik, die mich aufhorchen ließ. Ich hatte auf einmal Gänsehaut und in meinem Inneren tat sich etwas, das ich nicht benennen konnte. Ich wusste nur eins – das ist sie, meine Musik! So lernte ich Gregorian kennen. Ihre Musik übte eine Macht auf mich aus, der ich mich nur zu gern unterwarf. (Mittlerweile habe ich die Band auch schon zwei Mal live erleben dürfen.)

 

Ich ahnte damals nicht, dass in der Bücherei, in der ich gerade anfing zu arbeiten, noch eine Überraschung auf mich wartete: Als ich Medien zurückbuchte, fiel mir eine CD in die Hände, deren Cover mich sofort magisch anzog. Es war das erste Album von ERA. Ich verbuchte die CD auf mein eigenes Konto und hörte sie mir gleich auf dem Heimweg im Auto an. Es war überwältigend! Ich hätte keinen Titel nennen können, der mich nicht in seinen Bann zog. ERA ist ein Projekt des französischen Musikers Eric Levi und die Musik ein Zusammenspiel aus Gregorianischen Chören, antiken Klängen, Synthesizern und Sologesang. Und dies schien wie für mich gemacht.

 

Danach war ich ständig auf der Suche nach ähnlicher Musik und es dauerte nicht lange, bis ich auf Lesiem stieß. Auch diese Musik ist eine faszinierende Mischung aus Mystischem, Klassischem, Gregorianischem und Epischem. 2003 wurde Times veröffentlicht – das dritte und vorerst letzte, wohl auch das beste Lesiem-Album, ein grandioses Projekt, von dem Berliner Komponisten und Produzenten Alex Wende ins Leben gerufen. Times kann man als eine Hommage an die Menschlichkeit bezeichnen. Jeder Titel befasst sich mit einer der menschlichen Tugenden oder einem der menschlichen Laster und ist ein Hörgenuss der besonderen Art, nicht zuletzt wegen der großartigen Stimme von Maggie Reilly. Meine Lieblings-Songs sind Caritas (Liebe) und Fortitudo (Tapferkeit).

 

2008 kündigte Lesiem das vierte Album an – genauer gesagt, die Arbeit daran – mit dem Titel LESIËM – BOOK OF SECRETS. (Nun warte ich sehnsüchtig auf dessen Erscheinung, aber es tut sich nichts. Ob es noch irgendwann zur Veröffentlichung des Albums kommt, bezweifle ich mittlerweile.)

 

Meine Musik … Ich kann sie immer und immer wieder hören. Auf wunderbare Weise befindet sie sich in absolutem Einklang mit meinem inneren Sein, ist Energie, sogar Heilkraft für meine Seele geworden. Wenn es mir nicht gut geht, wenn ich traurig bin, dann höre ich ERA, oder Lesiem, oder Gregorian, dann denke und fühle ich, dass es sich zu leben lohnt, sei es auch nur, um diese wundervolle Musik genießen zu können. Manchmal überlege ich, was schrecklicher wäre – blind oder taub zu sein und ich neige fast zu der Entscheidung – taub wäre schlimmer …

 

Juni 2011