
Welcher Moment hat dir gezeigt,
dass du stärker bist, als du dachtest?
Es gab da einen Moment in meinem Leben, an dem ich sehr verzweifelt war. Eigentlich war es nicht nur ein Moment, sondern ein ziemlich langer Zeitraum, angefangen mit dem Tag der Mitteilung, dass mein Arbeitsvertrag in der Stadtbücherei nicht mehr verlängert wurde und ich bereits am nächsten Tag nicht zur Arbeit erscheinen solle. Das war hart, für mich wahrlich eine Katastrophe.
Als eine weitere Katastrophe empfand ich, nachdem ich mich beim Amt arbeitslos gemeldet und etliche Maßnahmen mitgemacht hatte, die Aufforderung, an einem Lehrgang teilzunehmen, der mir absolut fremd war. Also protestierte ich – mit einem Einspruch. Ob man das als Stärke bezeichnen kann, steht auf einem anderen Blatt. Doch eine bessere Möglichkeit, mich zu wehren, hatte ich in diesem Fall nicht.
* * *
Iserlohn, 07.11.2002
Einspruch
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit erhebe ich Einspruch gegen die Anmeldung und Teilnahme an dem Trainings- und Übungslehrgang für arbeitslose Frauen in den Fachrichtungen Metall-, Holzverarbeitung und Hauswirtschaft – gemäß der Entscheidung des Herrn E. vom 11.10.2002.
Zur Begründung Folgendes:
Die ausgewählten Richtungen haben mit meinem Beruf nicht das Geringste zu tun. Ich bin Bibliothekarin (in Deutschland anerkannt als Assistentin in Bibliotheken), und in diesem Beruf möchte ich auch bleiben. Meine Chancen stehen gut, denn ich bin erst seit drei Monaten arbeitslos, und die Büchereiverwaltung setzt sich sehr für mich ein. (Aufgrund der Sparmaßnahme der Stadtverwaltung wurde mein befristeter Vertrag nicht mehr verlängert und die Stelle für ein Jahr gesperrt.) Derzeit läuft ein erneuter Antrag auf Wiedereinstellung – eine Entscheidung wird in der kommenden Woche erwartet.
Wenn es schon so notwendig ist, einen Lehrgang zu absolvieren, dann würde ich gerne an einem teilnehmen, der meinem Beruf näherliegt, zum Beispiel im kaufmännischen Bereich. Schließlich habe ich die Tests in einer Trainingsmaßnahme beim GBB-Aktiv-Center (im September 2002) ebenfalls in diesem Bereich erfolgreich abgeschlossen. Aber wie Herr E. meint, erfülle ich für einen solchen Lehrgang nicht die erforderlichen Voraussetzungen. Für die Metallverarbeitung offenbar schon. Warum?
Und was das vom Aktiv-Center erstellte Profiling anbelangt: Welchen Zweck hatte das Ganze eigentlich? Ich dachte, man würde auf die hervorgehobenen Fähigkeiten Rücksicht nehmen und sie fördern. Stattdessen sah Herr E. in dem Ergebnis nur, dass ich keine Umschulung oder Fortbildung machen möchte, und das wolle er ändern. Meine Fähigkeiten interessierten ihn gar nicht. Dabei habe ich nur eine ehrliche Antwort auf die Frage gegeben. Eine Umschulung – mit 48? Und Weiterbildung in meinem Beruf? Gerne, aber welche?
Ja, ich weiß – es gibt neue Regeln, wonach jede Arbeit einem Arbeitslosen zumutbar sein soll. Aber man muss doch auch den Menschen vor sich sehen und seine Grenzen erkennen – auch die untersten!
Das letzte Argument, das ich Herrn E. entgegengebracht habe, wenn auch sehr ungern, war dieses: Ich leide seit meiner Kindheit unter Depressionen und Panikattacken. Die melden sich immer dann, wenn ich extremen Situationen ausgesetzt bin, mich in meiner Freiheit bedroht fühle oder wenn ich gezwungen bin, Dinge zu tun, die mir überhaupt nicht liegen und mir gänzlich fremd sind. Und genau das trifft auf den oben genannten Lehrgang zu.
Daraufhin entgegnete Herr E., ich hätte bloß Angst vor neuen Herausforderungen. Das nennt er Herausforderungen? Und selbst wenn es so wäre – sieht sich Herr E. denn auch noch als Psychotherapeut, der mich nun von dieser Angst befreien kann?
Ich bitte Sie, die Entscheidung des Herrn E. aufzuheben und mich von dem oben genannten Lehrgang abzumelden. (Der Kurs läuft bereits, aber aufgrund meiner Krankschreibung hatte ich keine Möglichkeit, daran teilzunehmen, und konnte diesen Einspruch auch nicht früher einreichen.)
Ich kann nicht glauben, dass das Arbeitsamt beabsichtigt, einen Menschen depressiv und unglücklich zu machen, nur weil ein Beamter seine Macht ausüben möchte, um für ein paar Monate einen Arbeitslosen weniger zu haben.
Mit freundlichen Grüßen
Rosa Ananitschev
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Meine Aktion blieb nicht ohne Wirkung. Ich wurde für ein Gespräch zum Arbeitsamt eingeladen und dort ausgesprochen freundlich empfangen. Die Angelegenheit ließ sich zu meiner Zufriedenheit klären. Man räumte ein, dass der oben erwähnte Herr übers Ziel hinausgeschossen war. Vom Handwerkerlehrgang wurde ich daraufhin abgemeldet. Und zwei Monate später hielt ich einen neuen Vertrag in den Händen (diesmal unbefristet!) und konnte somit meinen alten Arbeitsplatz wieder besetzen.

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