Traurig, aber wahr

Heute beschäftigen mich Gedanken, die sich geradezu drängen, laut ausgesprochen, zumindest aufgeschrieben zu werden. Sie sind zum Schreien … Oder zum Verzweifeln? … 

Ja, Schreien wäre gar keine so schlechte Idee. Dennoch – ich werde es nicht tun. Auch verzweifeln werde ich nicht. Ich werde versuchen, meine Gefühle zu sortieren und sie hier in Worte zu fassen, obwohl ich kaum dafür Worte finden kann.

...

Ich habe fünf Geschwister. Es waren mal sechs, doch einer ist inzwischen tot. Von den fünfen stehen zu mir nur zwei Schwestern und nur mit einer von beiden habe ich regen Kontakt, mit Aneta. Sie ist sozusagen meine Verteidigerin, mein 'Blitzableiter' – sie wehrt alles ab, was gegen mich gerichtet ist (da ja alles ausschließlich ihr zugetragen wird; mit mir spricht keiner auch nur ein Wort). Sie argumentiert, beschwichtigt, erklärt – und sie macht es hervorragend. Natürlich bekomme ich dann von ihr einen vollständigen Bericht erstattet. Das ist auch gut so – ich will ja wenigstens auf dem Laufenden sein.

Worum geht es überhaupt? Nun, das ist eine lange Geschichte  vielmehr sind es mehrere Geschichten – über mein Leben, über meine Kindheit, über vergangene Tage die ich alle in einem Buch zusammengefasst und vor Kurzem veröffentlicht habe unter dem Titel: "In der sibirischen Kälte". In einem Text erzähle ich auch vom Kindesmissbrauch. Wie die meisten meiner Verwandtschaft darauf reagierten, allen vorneweg meine älteste Schwester Lilli (ohne das Buch überhaupt gelesen zu haben!) – das will ich hier verdeutlichen.

 

So erzählte mir gestern Aneta am Telefon von Lillis Anruf und der langen Diskussion mit ihr. Ich bewundere Anetas Fähigkeit, bei solchen Auseinandersetzungen ruhig bleiben zu können, nicht auszurasten – ich hätte das nicht geschafft.

Es ging natürlich um mich (natürlich!). Wie dreist es von mir sei, ein Buch zu schreiben, in dem ich die Familie so bloß stelle, was sollen die Leute jetzt über sie, Lilli, denken, sie werden sie doch dafür verachten, dass sie so einen Bruder hatte.

Aneta: "Keiner wird dich verachten, du bist ein eigenständiger Mensch und hast mit den Taten unseres Bruders nichts zu tun. Ja, es ist kaum zu begreifen und es ist sehr schlimm für uns alle, aber überleg doch mal, wie schlimm es für Rosa sein muss! Sie hat ein Recht darauf, es nicht zu verschweigen. Und wenn sie im Buch darüber geschrieben hat, dann musste sie das tun, dann konnte sie nicht anders. Und das Buch handelt nicht nur vom Missbrauch – es gibt darin eine einzige Geschichte, die sich direkt damit befasst. Du solltest es wirklich lesen, dann wirst du vieles verstehen und auch Rosa mit anderen Augen sehen."

Nein, das werde sie nie im Leben tun, so ein Buch lesen! Es sei sowieso alles gelogen. "Es gab gar keinen Missbrauch, nichts dergleichen. So etwas hat ihr die Psychotante eingeredet, ebenso wie sie ihr eingeredet hat, lesbisch zu sein ..."

 

Ich war im ersten Moment baff, sprachlos ... Eingeredet?...

Hätte ich die Möglichkeit, hätte ich laut losgelacht und Lilli direkt gefragt: "War es denn in der ersten oder zweiten Therapie, oder hatten die Therapeutinnen beide auf mich eingeredet? ... Vielleicht haben sie sich die Aufgaben ja sogar geteilt – eine war für den Kindesmissbrauch und die andere für die Homosexualität zuständig?"...

Traurig, nicht wahr?

"Und warum hatte ich es überhaupt nötig, Therapien zu machen, weißt du das auch?", würde ich sie ebenfalls, in ganz ernstem Ton fragen.

 

"Ach, depressiv! Von wegen! Sie war nie depressiv. Jetzt ist sie es nicht und als Kind war sie es schon gar nicht! Das hätten alle gemerkt, darüber hätte sie geklagt.  Kinder können überhaupt nicht depressiv sein – ausgeschlossen!"

Ich wäre an dieser Stelle wahrscheinlich schon zum zweiten Mal ausgerastet, aber Aneta antwortete ihr geduldig, dass Kinder sehr wohl depressiv sein können – sie solle mal entsprechende Fachliteratur lesen.

 

Falls Lilli mir das persönlich gesagt hätte und ich doch nicht ausgerastet wäre, hätte ich ihr auch einiges erzählen können. Zum Beispiel, wie oft ich mich als Kind gefragt hatte, warum Menschen überhaupt auf dieser Welt leben, wenn sie es doch gar nicht wollen – das Leben; ich war ja überzeugt – so wie ich mich fühle, so wie ich aus dieser Welt verschwinden möchte, so wollen es andere auch …

Was hätten sie – meine Geschwister, meine Eltern ... was hätten sie denn merken können?! Was hätte ich ihnen sagen sollen?!

Nein, ich lag auch nicht dauernd irgendwo in der Ecke und weinte vor Kummer! Ich hatte weiter gemacht, bin durchs Leben gegangen, so gut und tapfer, wie ich es nur tun konnte. Es gab ja (zum Glück!) Phasen, in denen die Depression weniger stark oder ganz abwesend war.

Aber wenn Lilli sagt, Kinder können nicht depressiv sein, dann können sie es nicht. Basta! Auch wenn sie allen Grund dazu haben.

Und da kommen wir wieder zum Grund, zum Auslöser ...

 

Ich weiß nicht, ob folgende Worte die Härtesten von allem waren, was meine große Schwester von sich gab, oder ob viel mehr alle auf die gleiche Weise ungeheuerlich waren, aber diese will ich nicht einmal kommentieren: "Wie kann denn ein Bruder mit seiner eigenen Schwester Sex haben wollen! Und wenn er so etwas getan hat, dann ist sie selbst schuld - sie hat sich bestimmt an ihn rangemacht!" ...

 

Dann holte meine Schwester den letzten 'Trumpf' heraus.

"Wenn er ein fünfjähriges Kind vergewaltigt hätte, dann hätte das Kind schlimme Verletzungen davongetragen – das hätte unsere Mutter mitbekommen!"

Da war sogar Aneta etwas verunsichert, wie sie mir am Telefon gestand. Wohl oder übel, ich musste ihr erklären, warum dies das schlechteste Argument von allen sei. Aber ich denke, so ausführlich brauche ich das hier nicht zu tun ... Natürlich hatte mein Bruder dafür gesorgt, nicht entlarvt zu werden, und die Spuren beseitigt! Und auch wenn er das Kind nicht verletzt hatte - mindert das seine Schuld? War es dann kein Missbrauch? Und vielleicht bekam meine Mutter es tatsächlich mit, wer weiß das schon? Jedoch hätte sie es ganz sicher nicht in die Welt hinausgetragen und auch Lilli nicht unbedingt davon erzählt! Aber vielleicht konnte sie noch Schlimmeres verhindern? Auch das weiß keiner.

 

Zum Ende des Telefonates sagte Aneta zu Lilli, sie solle mal nachdenken, die Welt sei voller Gewalt. Was würde sie machen, wenn so etwas Schreckliches einem ihrer Kinder oder Enkelkinder zustoßen würde?

Darauf antwortete Lilli ganz entschieden, das würde ihren Liebsten nie passieren, denn "sie sind anders!" ... Fein, Lilli. Außerordentlich fein.

 ...

 

Fazit: So lange es in unserer Welt Menschen mit gleichen Einstellungen und Ansichten gibt, so lange werden Kinder immer wieder missbraucht und die Lillis werden immer wieder wegschauen und behaupten, so etwas könne es gar nicht geben.

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Kommentare: 2
  • #1

    Ela (Samstag, 04 Juni 2016 14:16)

    wollen wir hoffen das Lillis Familie wirklich nie etwas passieren wird was dir passiert ist.
    Traurig aber wahr und ich hoffe das auch Lilli anfängt über den Tellerrand zu schauen- es ist nie zu spät dazu. Pelle dir ein Ei auf so eine Schwester und sei froh und dankbar das du eine liebe Schwester wie Aneta hast-
    Liebe Grüße
    Ela

  • #2

    Christel Wismans (Montag, 06 Juni 2016 00:00)

    liebe Rosa,
    es ist verdammt traurig, dass von all deinen Geschwistern nur deine Schweser Aneta dir glaubt und zu dir hält.
    Es tut bestimmt sehr weh, - aber - hak sie ab, alle, die dir nicht glauben. Alle, die dir nicht gut tun. HAK SIE AB!

    Ganz liebe Grüße,
    Christel

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