Moskau

"Die Reise zurück - Wo ich einmal war", Teil 9

Die Zugfahrt zurück nach Moskau war der krasse Gegensatz zu der Fahrt nach Omsk. Wir hatten zwar wieder ein Abteil nur für uns drei und zwei Zugbegleiter – eine junge, distanzierte und desinteressierte Frau (desinteressiert zeigte sie sich nicht nur uns Ausländern gegenüber, sondern auch gegenüber allen anderen Passagieren) und ein ebenso kühler, geschäftiger junger Mann. Zu allem Leid hatten zwei von uns dreien starke Magenbeschwerden, vermutlich lag es an dem Fisch, den wir bei Raja serviert bekamen. Da ich keinen Fisch esse, ist wohl offensichtlich, wer betroffen war.

Sylvia und Dagmar erholten sich nur langsam, verbrachten fast die ganze Zeit auf den Liegen, und so war ich sozusagen mir selbst überlassen. Nun hatte ich ja zum Glück genug Lesestoff.

 

Wir hatten noch zwei Tage für die Hauptstadt eingeplant.

 

Obwohl wir schon am allerersten Abend – nach unserer Ankunft und noch bevor wir am nächsten Morgen in den Zug nach Omsk stiegen – einen Spaziergang über die berühmte Arbat-Straße machten, wollten wir ihn unbedingt wiederholen. Die alte Künstlerstraße hat eine besondere Atmosphäre, die man gespürt haben muss, um sie zu verstehen. Ich hatte ein unbeschreibliches Gefühl des Friedens, der Einigkeit mit anderen Menschen, die über die Straße schlenderten, hier und da anhielten, die Straßenmaler und Musiker bewunderten. Arbat ist ein Symbol der Freiheit, des entfesselten Geistes; egal welches Regime gerade im großen Land herrscht, Arbat scheint davon nicht betroffen zu sein, sie hat ihre eigene Geschichte.

 

Ich fühlte ein innerliches Zittern und hatte Gänsehaut, als ich daran dachte, wer alles einst dieses Pflaster betrat, wen alles die alten Steine sahen.

 

Besonders beeindruckt waren wir von einer Truppe junger Musiker, die verschiedene Instrumente dabei hatten. Sie spielten Klassiker – Mozart und Beethoven, nicht nur wir drei waren fasziniert von ihrer Musik, immer mehr Menschen sammelten sich um das Orchester und hörten schweigend zu.

 

Ein paar Schritte weiter trafen wir auf 'Michael Jackson', der vielleicht nicht so gut wie das Original war, aber durchaus sich sehen lassen konnte.

Auf dem Roten Platz

Dagmar in schlechter Gesellschaft. Zum Glück hatte sie keinen bleibenden Schaden davongetragen und wurde auch nicht ideologisch oder sonst wie umorientiert.

 

 

Die Basilius-Kathedrale, oder Kathedrale des seligen Basilius, war leider in der Zeit unseres Aufenthaltes in Moskau geschlossen – wegen Bauarbeiten – und weiträumig abgesperrt.

 

Das Lenin-Mausoleum

Das Mausoleum hätten wir besichtigen können (nur zu bestimmten Zeiten), müssten aber Schlange stehen, und man durfte keine Kameras oder Sonstiges dabei haben. Da wir sie nicht irgendwo zur Aufbewahrung abgeben wollten, und ich meinen Mädels erzählte, es sei nichts Besonderes, einen kleinen toten, einbalsamierten Mann im Sarg mit einem durchsichtigen Deckel zu sehen, hatten wir beschlossen, es ganz sein zu lassen und uns lieber eingehender den Roten Platz anzusehen.

 

Ewiges Feuer dem Unbekannten Soldaten

Auch im GUM waren wir und hatten feststellen können, dass

vieles genauso teuer war wie in Deutschland, manches sogar noch teurer.

 

Es gibt in Moskau ein riesengroßes Geschäft für Kinder „Detskij Mir“ (übersetzt: „Kinderwelt“). Lange haben wir uns im Inneren gar nicht aufhalten wollen, dafür war es wirklich zu gigantisch. Aber den „Mischka“ wollten wir unbedingt aufnehmen. Sylvia holte ihre Kamera raus, kam aber nicht weiter, als sie bloß einzuschalten, schon eilte ein Uniformierter auf uns zu. Er schüttelte den Kopf und seine Handbewegung war eindeutig: „Weg damit! Nicht erlaubt!“. Ja, das durfte man nicht – keine Fotos, keine Videos. Sobald der strenge Mann außer Sicht war, filmte die unerschrockene Sylvia doch noch, wenn auch nur kurz, den Teddybären.

Zwei Tage für so eine große Stadt war natürlich viel zu wenig. Da hätte wohl nicht mal eine Woche gereicht, um alles zu sehen. Aber trotzdem brachte uns unentwegt irgendetwas zum Staunen. Wir kamen von A nach B meistens mit der U-Bahn und bewunderten die  kunstvoll angelegten Metro-Stationen, von denen manche so tief unter die Erde gingen, dass es einem Angst und Bange wurde. Die Luft da unten war ziemlich schlecht, leider funktionierte die Belüftung nicht besonders gut. Wir konnten uns problemlos orientieren, da die Beschriftung sehr verständlich und zweisprachig war, und ich ja die russische Sprache gut beherrschte (wie denn auch anders?) und Sylvia –  ihre Muttersprache Englisch. Was ich manchmal nicht begriff, verstand sie und umgekehrt.

 

Wir hatten in verschiedenen Lokalen gegessen, das Essen war preiswert, perfekt zubereitet und lecker. Jedes Restaurant hatte einen eigenen, besonderen Flair. Leider waren wir nicht immer dazu gekommen, Fotos zu machen, und im Nachhinein bedauerte ich, dass wir von manchen Sehenswürdigkeit gar kein Bild haben. Nun ja, wir haben aber ein Video.

 

Eine Szene –  typisch für die neuen reichen Russen, aber in der Art von uns noch nie beobachtet –  möchte ich noch hier schildern, dann komme ich auch schon bald zum Ende unserer Reise und dieses Buches.

 

Es war der letzte Tag in Moskau, wir hatten uns ein nettes italienisches Restaurant ausgesucht, in dem es hell und gemütlich war. Wir hatten bestellt und warteten auf unser Essen, als die Eingangstür geöffnet wurde und ein schwarzgekleideter Mann eintrat. Er blieb am Eingang stehen, hielt die Tür halbgeöffnet und sah sich aufmerksam um, dabei nahm er jeden Anwesenden kurz „unter die Lupe“. Dann nickte er nach draußen, worauf eine kleine Gruppe hereinkam, anscheinend eine Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Kindern. Zum Schluss folgte noch ein muskelbepackter Kerl, ebenso im schwarzen Anzug. Die Familie setzte sich an einen reservierten Tisch, die Bodyguards an einen anderen in der Nähe. Wir verfolgten fasziniert dieses Szenario, wogegen die anderen Gäste kaum Notiz davon nahmen, so etwas war für sie wohl alltäglich.

Unser Hotel war ausgezeichnet, eins, worauf seine Angestellten sehr stolz waren. Gleich nach unserer Ankunft erzählte man uns, dass sehr viele Promis schon unter diesem Dach gewohnt hatten, vor kurzem war es sogar Angelina Jolie.

 

Eine unangenehme Sache muss ich jedoch erwähnen. Als wir etwas wissen wollten und ich dem jungen Mann an der Rezeption Fragen auf Russisch stellte, beachtete er mich überhaupt nicht. Dann fragte Sylvia das Gleiche auf Englisch und sofort bekam sie seine volle Aufmerksamkeit. Ich denke, diesen kleinen, feinen Unterschied brauche ich nicht zu kommentieren. "Von nun an", sagte ich zu Sylvia, "wirst du die Sprecherin unserer kleinen Truppe sein." Das tat sie auch, und so waren wir immer als ausländische Gäste respektvoll und zuvorkommend behandelt.

 

In Omsk allerdings gab es diese Barriere nicht, da konnte ich mein Russisch frei einsetzen, die englische Sprache hätten ohnehin die Wenigsten verstanden.

 

Das Frühstück im Hotel war himmlisch. So hatte ich noch nie gespeist. Schon frühmorgens konnte man alles haben, was das Herz/der Magen begehrte – von jeder Sorte Obst über verschiedene Art der Eier-Zubereitung bis hin zu allerlei warmer Gerichte. Die Bedienung stand zwar auf taktvoller Entfernung, war aber auf der Hut und behielt unsere Teller im Auge. Sobald einer leer war, wurde er weggeschnappt –  das war wiederum nicht unbedingt taktvoll und ziemlich störend. Aber es war alles sehr, sehr lecker!

Nachwort folgt

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Kommentare: 2
  • #1

    Christel Wismans (Donnerstag, 18 Februar 2016 23:59)

    liebe Rosa, deine Erinnerungen habe ich sehr aufmerksam und sehr gerne gelesen. Danke, dass du sie mitsamt den Fotos mit uns teilst.

  • #2

    Ilona Munique (Freitag, 19 Februar 2016 12:11)

    Dem Eintrag von Christel kann ich mich nur anschließen. Es macht viel Arbeit, alles so schön aufzubereiten und sich zu entscheiden: Was schreibe ich, was lasse ich weg, welche Fotos … vielen Dank, liebe Rosa, für dieses persönliche Reisetagebuch, das mein Bild von Russland und (natürlich auch von dir) erweitert und sicher auch berichtigt hat. Herzlichst! Ilona