Wer bist du?

Beim Durcharbeiten meines Manuskriptes für den Sarturia Verlag bin ich an diesem Text hängen geblieben, den ich vor zehn Jahren in einer Schreibwerkstatt entworfen und 2011 bei BookRix als eBook veröffentlicht hatte. Irgendwie hat er mich aufs Neue berührt und mich nachdenklich gemacht, steckt in ihm doch so viel damals schon Geahntes ...

Wer bist du?

Wir stehen uns gegenüber und mustern einander – kritisch und mit zunehmendem Interesse. Irgendetwas fesselt mich heute an diese Frau, die ich jeden Morgen vor mir sehe. Heute kommt sie mir besonders fremd vor, obwohl ich doch diejenige bin, die sie am besten kennt.

 

Wie so viele Menschen mit Sehschwäche, muss sie eine Brille tragen und wenngleich sie schon längst eine neue besitzt, bringt sie es nicht übers Herz, ihre Brille aus den alten Zeiten zu entsorgen. Sie holt sie aus der Schublade heraus und setzt sie kurz auf. Die Brille hat etwas Magisches an sich. Die unklaren Gläser, die schon mehrere Kratzer haben, machen die Umgebung etwas verschwommen und verändern auf bizarre Weise ihre Wahrnehmung. Plötzlich ist sie wieder in ihr altes Ich versetzt, in die Frau, deren Leben vor ein paar Jahren noch ganz anderes war. Sie fühlt sich wieder so, wie damals – deprimiert, unsicher und verloren. Die Erinnerungen überfluten sie, werden unangenehm, und sie setzt ihre alte Brille wieder ab.

 

Ja, sie ist nicht mehr derselbe Mensch, der sie früher war. Sie hat sich verändert – sowohl äußerlich als auch innerlich, obwohl es mir manchmal schwer fällt, einige ihrer neuen Eigenschaften anzunehmen, so ungewöhnlich sind sie. Oder ist sie schon immer so gewesen, so geboren worden, und ich ahnte nichts davon? Wahrscheinlich war vieles in ihr einfach zugeschüttet und zugemauert, und jetzt strömen ihre tief vergrabenen Neigungen und Gefühle unaufhaltsam ins Leben. Sie brauchen Licht, sie brauchen Luft, und nichts kann sie mehr auf dem Weg zur Freiheit stoppen. Am Anfang versuchte sie noch, sich zu wehren, aber als ihr klar wurde, dass sie eigentlich ohne Erfolg kämpft, hatte sie den Kampf aufgegeben und sich selbst angenommen. Oft frage ich mich, wie konnte das überhaupt passieren, warum sozusagen brach ihr inneres Gefängnis auseinander, woher kam der Sprengstoff, was war der Impuls dazu? Es ist nicht einfach, darauf zu antworten. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto besser verstehe ich das Ganze ...

 

Was weiß ich noch über diese Fremde, die mir gleichzeitig so vertraut, so nah ist?

 

Sie hat einen kurzen Vornamen, den man manchmal noch in Deutschland trifft, den sie aber schon als Kind nicht mochte, und einen ziemlich langen ausländischen Familiennamen. Wenn jemand ihn sofort richtig, ohne zu stottern, ausspricht, wirkt es fast wie ein Wunder, und darüber freut sie sich.

 

Ist sie eine Deutsche?

 

Die Antwort scheint mir auf einmal gar nicht so leicht. Sie antwortet mir auch nicht, schaut mich nur etwas verschmitzt an. Ich weiß, dass sie mit Absicht kein einziges Wort sagt – sie möchte nicht, dass ich an ihrem Akzent erkenne, aus welchem Land sie kommt. Das bringt mich zum Lachen, und sofort gibt sie mir mein Lachen zurück, dabei verändert sich ihr Gesicht, als ob sie um Jahre jünger geworden wäre … Jünger und unbesorgter.

 

Wieder wird sie ernst. Meine Frage bleibt immer noch ohne Antwort. So wie ich sie kenne, gehört sie auch nicht zu denen, die leicht nach passendem Wort greifen. Sie ist zurückhaltend, sogar etwas schüchtern, besonders in einer größeren oder ihr wenig bekannten Gesellschaft.

 

„Mein Reden ist mein Schreiben“, scherzt sie manchmal. In gewisser Weise stimmt das auch. Ihre Texte sind viel offener und persönlicher. Ob das so richtig ist? Da bin ich mir nicht ganz sicher. Aber das muss sie selbst entscheiden. Wahrscheinlich kann sie einfach nicht anders und weiß wohl auch, was sie tut und warum. Allerdings ist sie keine Schriftstellerin. Sie schreibt (genauer gesagt, versucht es) seit drei Jahren, und das Überraschende ist – sie schreibt in Deutsch, obwohl sie vorher weder geschrieben noch kaum deutsch gesprochen hat. Sie meint, dass sie die alte Fähigkeit wiedergefunden hat, die ihren Geist entfesseln und ihr Leben erfüllen kann. Die Fähigkeit, ihre Gedanken und Empfindungen zu äußern, es so zu schaffen, dass die einzelnen, zu Papier gebrachten Wörter und Sätze wie ein Puzzle zusammenpassen und wie eine Melodie wirken. Dabei müssen sie selbstverständlich einen Sinn haben, etwas Wichtiges vermitteln und weiter tragen können.

 

Was noch erstaunlicher ist – in Deutsch zu schreiben gelingt ihr am besten und macht ihr viel mehr Spaß, obschon sie häufig mit sich selbst unzufrieden ist und glaubt, das Schriftdeutsch nie so beherrschen zu können, wie sie es möchte. Wie oft fehlen ihr die Worte, wie oft verliert sie den Mut ... und findet ihn doch wieder! Trotz alledem bin ich überzeugt – in diesen zwei-drei Jahren hat sie einen enormen Fortschritt gemacht und das nicht nur im Schreiben.

 

Sie ist eine Deutsche – ohne Zweifel! Warum sonst fühlt sie sich in Deutschland so, als ob es schon immer ihr Zuhause gewesen wäre, ihre neu entdeckte Heimat, auch wenn die tiefe Verbundenheit mit einem anderen Land und seinen Menschen, zu denen einst auch sie gehörte, nie reißen wird? Warum sonst hat sie jetzt diese seltsamen Gedanken? ... Warum sonst schreibe ich diese Zeilen? Warum frage ich mich immer wieder, wer diese mir gegenüberstehende Frau ist? Bin ich das oder ist sie bloß mein Spiegelbild?

 

Herbst 1995 - Juli 2011

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Ilona Munique (Donnerstag, 22 Oktober 2015 21:35)

    Poetisch, authentisch, liebevoll, kritisch und doch wertschätzend – Tipp: behaltet eure alten Brillen, ihr könnt sie sehr gut noch mal verwenden!